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Gesundheitsberufe
In Bochum gibt es die ersten Bachelorhebammen

Die Akademisierung in den Gesundheitsberufen schreitet immer weiter voran. Nun haben die bundesweit ersten Hebammen mit Bachelorabschluss in Bochum ihr Examen gemacht. Durch die wissenschaftliche Ausbildung sollen die Bachelorhebammen in Zukunft mehr reflektieren und hinterfragen.

Von Dirk Biernoth | 21.11.2013

    Eine Geburt ist beschwerlich. Hebammen brauchen viel Einfühlungsvermögen, um Frauen in dieser Situation unterstützend zur Seite zu stehen. In diesem Fall ist es noch keine echte Geburt. Eine Mitarbeiterin der Hochschule für Gesundheit in Bochum spielt die Schwangere. Studentin Anna-Maria-Catrina Kramer kann so die Kommunikation mit ihr üben:
    "Frau Maack, Sie machen das ganz, ganz toll. Es ist jetzt noch ein bisschen auszuhalten. Jetzt noch mal ganz, ganz tief atmen. Bewegen Sie sich ruhig mal ein bisschen. Sehr gut machen Sie das."
    Alle 28 Studentinnen wurden mit solchen praktischen Übungen auf ihr Examen vorbereitet. Als es dann für Anna-Maria-Catrina Kramer vor einigen Tagen soweit war, dass ihr Prüfungsbaby auf die Welt kommen wollte, war dann aber doch alles ganz anders:
    "Es war sehr aufregend! Das Fazit, was wir mitgenommen haben, war auf jeden Fall: Man kann nichts planen. Wir hatten ja eigentlich zwei Sequenzen - Schwangere und Wochenbett -, wo man hätte planen können. War auch so. Rahmenbedingungen konnte man planen. Aber wie es dann wird, war ganz anders, und die Geburt hatten wir uns ganz, ganz anders vorgestellt. Ganz anders ausgedacht. Den Raum schon vorbereitet, und als es dann soweit war, war doch alles ganz anders. Ist halt aber so, wie auch die Realität ist. Aber wir dachten irgendwie, wir könnten es irgendwie beeinflussen. Aber nein, das ging nicht."
    Pro Studentin müssen vier praktische Prüfungen abgenommen werden. Eine davon ist die Geburt eines Babys. Dafür arbeitet die Hochschule in Bochum mit 18 Kooperationskliniken in ganz Nordrhein-Westfalen zusammen. Sowohl die Studentinnen als auch deren Prüferinnen, wie Barbara Beck, müssen deshalb während der Prüfungswochen in ständiger Rufbereitschaft sein.
    "Eine Geburtssituation lässt sich nicht immer planen. Von daher müssen wir im Team eine Art Rufdienst machen und uns mit der Praxis gut absprechen, sodass wir rechtzeitig zur Prüfung kommen. Die anderen Prüfungen - das ist ne Aufnahmeprüfung einer Schwangeren, das Wochenbett und die Betreuung von Mutter und Kind - das sind Prüfungen, die sind nicht so dynamisch. Die lassen sich gut in den Krankenhausalltag integrieren."
    Hebammen als reflektierende Praktikerinnen
    Wie lange die Prüfungswochen dauern, hängt also von der Geburtenrate in den Kooperationskliniken ab. Nach dem Examen warten jetzt noch zwei weitere Semester auf die Studentinnen der Hebammenkunde. Im achten und letzten Semester schreiben sie ihre Bachelorarbeit. Vor allem der höhere Anteil an theoretischem Wissen mache den Unterschied zur normalen Hebammenausbildung, sagt die Leiterin des Studienbereiches Nicola Bauer:
    "Die Hebammen, die wir als Absolventinnen im nächsten Jahr im September aus der Hochschule entlassen, sollen reflektierende Praktikerinnen sein. Es ist ein praktischer Beruf, aber mit dem Hintergrund, eine wissenschaftliche Ausbildung gehabt zu haben. Zu wissen, wo finde ich Informationen, was ist momentan 'State-of-the-art', wie sollte ich Frauen in dieser Lebensphase betreuen."
    Die Professorin weiß, dass ihre Absolventinnen in den Kliniken gefragt sein werden. Schon jetzt rufen die Krankenhäuser bei ihr an, um nachzufragen, wann die ersten Bachelorhebammen ihren Abschluss haben. Die Bochumer Hochschule für Gesundheit ist die erste Hochschule mit dem Fach Hebammenkunde. Inzwischen gibt es die Ausbildung auch noch in Fulda und Berlin. Weitere Hochschulen wollen dem Beispiel folgen.
    Bachelorhebammen sollen mehr hinterfragen als ihre Kolleginnen von der Fachschule und sich nicht damit abfinden, dass Dinge einfach so gemacht werden, weil sie schon immer so gemacht wurden. Es geht darum, neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Arbeit mit einfließen zu lassen. Unklar ist noch, in welchen Positionen die Absolventinnen künftig tätig sein werden. Da haben Hochschule, Kliniken und die Studentinnen selbst wohl jeweils ganz andere Vorstellungen, sagt Anna-Maria-Catrina Kramer:
    "Mein Eindruck ist, dass die Einrichtungen denken, wir würden so Leitungspositionen übernehmen. Wäre jetzt gar nicht mein persönliches Ziel. Ich glaube, dass es erst mal den Berufsstand an sich aufwertet die Akademisierung, dass auch die Versorgung besser wird."
    Die Studentin hofft, dass Hebammen künftig nicht in zwei Klassen eingeteilt werden, sondern Hand in Hand zusammenarbeiten.

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