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Getreide statt Klee

Wo bisher nur nachwachsende Pflanzen angebaut werden dürfen, könnten bald wieder Getreide und andere Nutzpflanzen wachsen. Für die Bauern wäre dies ein gutes Geschäft, Naturschützer befürchten jedoch einen Rückgang der Artenvielfalt. Auf der Herbstkonferenz der Landwirtschaftsminister von Bund und Ländern in Saarbrücken wird über den EU-Plan diskutiert.

Von Tonia Koch |
    Hans Lauer, der Geschäftsführer des saarländischen Bauernverbandes hat alle Hände voll zu tun. In der Saarbrücker Innenstadt müssen Zelte und Stände aufgebaut werden. Am Nachmittag startet das diesjährige Erntedankfest. Die Entscheidung der EU, die Pflanzbeschränkungen für stillgelegte Flächen zeitweise auszusetzen ist Thema vor Ort. Die Pläne der EU, die Getreideproduktion in Europa anzukurbeln, werden ihre Wirkung nicht verfehlen, so Lauer.

    "Ich gehe davon aus, dass 80 Prozent der Flächen im kommenden Jahr bewirtschaftet werden. Das hängt damit zusammen, dass wir eine ansehnliche Steigerung des Getreidepreises haben."

    1,2 Millionen Hektar Fläche hatten die Bauern in Deutschland in den vergangnen Jahren stillgelegt. Wobei stillgelegt nicht bedeutet, dass auf diesen Flächen überhaupt nichts angebaut wird. Im Gegenteil. Die Landwirte dürfen auf den Brachflächen nachwachsende Rohstoffe anpflanzen, aus denen Energie gewonnen wird. Und etwa ein Drittel dieser stillgelegten Flächen wird bislang für die Energiegewinnung genutzt. Die Preise für Energiepflanzen und für Nahrungsmittel haben sich jedoch unterschiedlich entwickelt. Die Bauern, so glaubt Lauer, werden daher die neue Freiheit nutzen und vor allem Nahrungsmittel produzieren.

    "Ein großer Teil der Landwirte wird in den Getreidebereich hineingehen, weil der Preisanstieg wesentlich besser ist, als bei nachwachsenden Rohstoffen."

    Bis zu 25 Euro könne augenblicklich – so der Geschäftsführer des saarländischen Bauernverbandes – für den Doppelzentner Getreide erlöst werden. Das sei annähernd das Doppelte der letztjährigen Saison. Das ist Anreiz genug, bestätigen die Landfrauen Martina Bernarding und Gudrun Fontaine.

    "Wie im Moment die Preise sind, rentiert es sich wieder Getreide anzubauen. Wir versuchen sämtliche brachliegenden Flächen wieder zu bewirtschaften, ist klar, mit Getreide, weil der Preis stimmt, im Moment, obwohl man könnte noch mehr haben."

    Wie sich die Preise entwickeln werden, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der saarländische Bauernverband geht davon aus, dass die zusätzliche Produktion die Preise sinken lässt, dass die EU-Landwirtschaftsminister daher in erster Linie zugunsten des Verbrauchers und nicht zugunsten der Landwirte gehandelt haben. Auch das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht davon aus, das das zusätzliche Angebot auf den Märkten die Preise sinken lässt. Der deutsche Bauernverband hingegen setzt auf eine stabile Preisentwicklung in den kommenden beiden Jahren. Unabhängig von der Preisentwicklung hoffen die Naturschutzverbände, dass, nach der zeitweisen Aufhebung der Produktionsbeschränkungen, nicht jeder Hektar Fläche unter den Pflug kommen wird. Markus Augsten vom Naturschutzbund Saarland:

    "Wenn die Bearbeitung zum Beispiel stattfindet während der Brutzeit und der Aufzuchtzeit der Bodenbrüter, wie Feldhühner, Rebhühner, Wachteln zum Beispiel, dann werden sie durch die Bearbeitung herausgedrängt, gestört oder die Gelege werden vernichtet."

    Die Naturschutzverbände fordern alternative Anreizsysteme, damit den Bauern keine all zu großen finanziellen Einbußen entstehen, wenn sie zum Wohle der Artenvielfalt auch zukünftig Flächen unbewirtschaftet lassen. Markus Austgen:

    "Es wäre quasi notwendig, die subventionierte Flächenstilllegung, die als marktsteuerndes Element gegen die Überproduktion eingeführt worden war, durch eine ökologische Flächenstilllegung zu ersetzen."

    Etwa fünf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche sollten nach Auffassung des NABU für die Belange des Naturschutzes eingesetzt werden.