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Gewalt
Auch Männer werden in der Partnerschaft Opfer von tätlichen Angriffen

Jede dritte Frau wird im Laufe ihres Lebens von ihrem Mann bedroht oder geschlagen. Doch auch Frauen attackieren ihre männlichen Partner - wenn auch nicht ganz so heftig und meistens, um sich selbst zu schützen.

Von Marieke Degen | 03.12.2013
    Als die Polizei ankommt, blutet der Mann schon am Unterarm. Später wird er sagen, die Frau sei "ein bisschen komisch im Kopf". Die Frau wird sagen, dass ihr der Mann verboten hatte, in die Kirche zu gehen. Dass sie trotzdem ging, und dass der Mann, als sie zurückkam, betrunken gewesen sei, sie beschimpft und mit einer Flasche bedroht habe. Deshalb habe sie ihm das Küchenmesser in den Arm gerammt. Der Fall ist fiktiv, aber wenn Frauen ihre Partner angreifen, dann oft in Situationen wie dieser, sagt die Psychologin Juliane Gerth:
    "Was man sich ganz gut, glaube ich, vorstellen kann: Wenn man einen eher eifersüchtigen Partner hat, der seiner Frau oder seiner Partnerin nicht erlaubt, die Wohnung zu verlassen oder nachts lange weg zu bleiben, diese das dann doch macht und dann so eine Art Konfliktsituation, Eifersuchtssituation entsteht, und das dann häufig eben ausgehandelt wird, indem der Partner bedroht, bedrohlich auf die Frau wirkt, und diese dann in dieser situativen Situation, vielleicht um sich selbst zu verteidigen oder Gegenwehr, dann letztlich gewalttätig wird."
    Juliane Gerth forscht beim Psychiatrisch-Psychologischen Dienst im Schweizer Kanton Zürich. Sie untersucht Fälle von Intimpartnergewalt gegen Männer, und die sind gar nicht so selten. Etliche repräsentative Umfragen zeigen, dass Frauen genauso oft auf Männer losgehen wie Männer auf Frauen – wenn auch nicht ganz so heftig:
    "Was wir jetzt konkret in den Daten sehen, aus dem Kanton Zürich, ist, dass gerade solche sehr schwere Gewalt wie eben Würgen nicht so häufig vorkommt, jedenfalls wenn man das vergleicht mit den männlichen Tätern. Wir sehen auch nicht so häufig wie bei den Männern Todesdrohungen, die gegenüber den Opfern ausgesprochen werden, dafür im Bereich von schwächeren Gewalthandlungen wie Tätlichkeiten, wie Schlagen, wie mit Gegenständen um sich werfen, das hat man relativ häufig."
    Frauen greifen meist an, um sich selbst zu schützen
    Auch die Motive hinter den Gewaltausbrüchen sind bei den Frauen andere: Meistens greifen sie an, um sich selbst zu schützen. Andere schlagen auch aus Ärger, Frust oder Rache, wieder andere wollen Aufmerksamkeit. Aber dass sie ihren Partner über einen längeren Zeitraum hinweg terrorisieren und ihn psychisch unter Druck setzen, das passiere eher selten, sagt Juliane Gerth:
    "Frauen üben seltener Gewalt aus, weil sie Kontrolle ausüben wollen – Männer machen das häufiger. Bei Männern haben wir seltener den Fall, dass es zu solchen Selbstverteidigungsgewalttätigkeiten kommt. Bei Frauen ist das sehr häufig der Fall."
    Und die Opfer? Auch wenn es praktisch genauso viele männliche Betroffene von Intimpartnergewalt gibt wie weibliche:
    "Wenn man sich auch anschaut, was letztlich die Konsequenzen von Intimpartnergewalt sind, ist es ja auch klar, es bleibt dabei: Die Frauen leiden stärker darunter. Und insofern ist es auch ein richtiger Ansatz, dass da auch ein primärer Fokus draufliegt."
    Denn: Schwere Gewalt bleibt immer noch Männersache. Weibliche Opfer sind von den Ausbrüchen regelrecht traumatisiert, außerdem werden sie viel häufiger schwer verletzt oder sogar getötet. Dazu kommt, dass weibliche Opfer der Situation nur schwer entkommen können, weil sie oft vom Mann finanziell abhängig sind.
    "Das ist so, weil sie weniger verdienen. Es gibt immer noch Lohnunterschiede, auch die ganzen Erwerbsmodelle im Rahmen von Partnerschaften, die junge Kinder haben, sehen immer noch häufiger so aus, dass der Mann in Vollzeit erwerbstätig ist und die Frau nicht oder nur teilzeiterwerbstätig, sodass so ein ökonomisches Gefälle automatisch in der Mehrheit der Fälle einfach immer noch da ist."
    Die Gewalt ertragen? Oder ist es besser, alleine sein, vor dem finanziellen Aus zu stehen und den Kindern den Vater weg zu nehmen? Viele weibliche Opfer entscheiden sich da im Zweifelsfall für die Gewalt.