Donnerstag, 09. Dezember 2021

Görlitzer Intendant Morgenroth"Es wäre fatal und blödsinnig, am Theater zu kürzen"

Eine mutige Spielzeiteröffnung: Das Theater Görlitz hat "Der liebe Augustin" von Leo Fall hervorgeholt, eine Operette über vergnügliches Schuldenmachen. Kein neues Thema für den Intendanten Daniel Morgenroth, der das Haus in angespannter Lage übernahm. Mit diesem Stück will er ein Zeichen setzen.

Von Stefan Frey | 18.10.2021

‚Der liebe Augustin’ Operette von Leo Fall, Regie: Anja Nicklich, Premiere: 02-10-2021, Goerlitz, 27.09.2021. //Foto: Pawel Sosnowski www.pawelsosnowski.com
Mit der Operette "Der liebe Augustin" hat das Theater Görlitz die Spielzeit eröffnet. (Pawel Sosnowski/Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau)
Ja, das tun sie, Prinzessin Helene und ihre Entourage in Leo Falls Operette "Der liebe Augustin" – sie pfeifen auf die Schulden. Und sie wollen sich durch die Ehe mit einem reichen Prinzen aus dem finanziellen Schlamassel retten. Diese Option hat das Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz und Zittau zwar nicht, aber es hat immerhin einen neuen Intendanten bekommen, als Retter aus einem ähnlichen Schlamassel. Denn kurz zuvor war ein von den Gesellschaftern des Theaters in Auftrag gegebenes Gutachten zu dem Schluss gekommen, das Musiktheaterensemble am besten gleich ganz aufzulösen. Der neue Intendant heißt Daniel Morgenroth, kommt vom Theater Konstanz, ist mit 37 Jahren vergleichsweise jung und erstaunlich unerschrocken.

Premiere nach Corona: "Irgendwas, was richtig fetzt"

Schließlich hat er seine Intendanz mit dem "Lieben Augustin" begonnen, Leo Falls satirischer Operette übers vergnügliche Schuldenmachen bei Champagnerwein und Klavierstunden. Eine mutige Entscheidung – zum einen natürlich, weil diese einst viel gespielte Operette heute so gut wie vergessen ist. Zum andern, weil das Fantasiefürstentum, das darin beschrieben wird, exakt die Situation des Theaters selbst wiederspiegelt. Das hat Daniel Morgenroth ebenso überzeugt wie seinen Chefdramaturgen Martin Stefke.
Daniel Morgenroth: "Wir wollten für die Zeit nach Corona irgendwas, was richtig fetzt, eine fröhliche, lustige Operette, die aber auch nicht ohne jeden gesellschaftlichen Kommentar oder Tiefgang ist. Da bot sich der Augustin an, aber dafür gebührt der Ruhm Martin Stefke, der die Operette ausgegraben hat, denn die wurde ja meines Wissens jetzt 30 Jahre nicht mehr gespielt, und deshalb war es für uns die ideale Eröffnungspremiere."

Wenn das Klavier schon gepfändet ist

Martin Stefke: "Ich kannte nur ein paar Lieder, was man so kennt: 'Und der Himmel hängt voller Geigen' und ich dachte, was ist denn das überhaupt für ein Stück? Worum geht’s denn da? Dann habe ich mich auf die Suche gemacht und hatte immer mehr Freude dran, weil das so passend war: Die Geschichte vom Klavierlehrer, der keine Musik mehr machen kann, weil das Klavier versiegelt ist, weil schon alles gepfändet ist in diesem Staat. Das fand ich interessant, besonders nach Corona. Was ist da los mit jemandem, der nicht mehr Musik machen kann? Und diese Situation hat mich interessiert und das haben wir dann besprochen, dann wurde es auch in Runden besprochen und dann wurde es 'Der liebe Augustin'".
Daniel Morgenroth: "Wir haben mit der Operette bewusst angefangen, um ein Zeichen zu setzen. Wie heißt es im Augustin? 'Jetzt geht’s los, heute wird der Jubel riesengroß'. Also einfach zu sagen, das ist ein Abend, der soll Spaß machen, der ist nicht Puppenstuben-Operette, sondern hat eine ganz moderne Regiehandschrift. Wir erzählen die Geschichte etwas anders, haben tolle Solisten. Einfach ein Abend, nachdem das Theater eineinhalb Jahre geschlossen war, an dem das Publikum sich freuen kann. Deshalb ist es wichtig, die Leute wieder zu begeistern und zu sagen: 'Hey, wir sind wieder da! Wir können wieder mit großem Ensemble spielen und es geht wieder los.' Deshalb ist die Operette genau das richtige Format für den Anfang."
Carsten Arbel (Pater Matthäus), Johannes Fritsche (Bogumil) und Hans-Peter Struppe (Jasomirgott)

Künstler und Mitarbeiter, die für die Region da sein wollen

Heut geht’s los, heute ist der Jubel riesengroß. Und riesengroß war am Ende tatsächlich der Jubel, auch wenn Regisseurin Anja Nicklich am Anfang so ihre Schwierigkeiten hatte, die doch die sehr unterschiedlichen Möglichkeiten des Ensembles unter einen Hut zu bekommen, vor allem choreografisch. Umso schöner, dass die Inszenierung dann doch noch die Kurve kriegt, frecher wird und spielerisch – und zwar ausgerechnet ab dem Auftritt jenes Fürsten Nicola, der Prinzessin Helenes bankrotten Staat retten soll. So wie Intendant Daniel Morgenroth das Theater Görlitz. Angefangen hat er damit im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen mit den Künstlern.
Daniel Morgenroth: "Ich habe das gesamte Ensemble hier übernommen. In der Corona-Zeit gab es ja keine Möglichkeit, viele Stücke überhaupt zu sehen. Deshalb gehe ich mit den allerbesten Annahmen rein, nämlich, dass wir nur Spitzenspielerinnen und -solisten haben. Ich habe alle übernommen und es macht großen Spaß. Sowohl in den Gewerken als auch in der Technik sind jede Menge Leute, die mit sehr, sehr viel Herzblut an diesem Haus hängen. Man muss sich überlegen, die Leute hier waren 15 Jahre in einem Haustarifvertrag, wo sie bis zu 20 Prozent unter Tarif verdient haben. Hier ist niemand geblieben des Geldes wegen oder wegen der großen Karriere, sondern weil sie an diesem Haus hängen und für diese Region da sein wollen. Diese Energie ist da und die nehmen wir mit."

Theater und Kultur sind wichtiger denn je

"Und der Himmel hängt voller Geigen" – die wohl bekannteste Nummer aus dem Lieben Augustin. Dazu lässt Regisseurin Anja Nicklich Geigen aus dem Schnürboden schweben, einer der vielen witzigen Einfälle der Görlitzer Produktion. Und wo der Bühnenhimmel voller Geigen hängt, überlebt das Musiktheater auch die wildesten Schließungsphantasien.
Der neue Intendant Daniel Morgenroth hat schließlich noch einiges vor in Görlitz: "Die Idee, hier das Musiktheater komplett im Stagione-Betrieb zu betreiben, die Tanzkompanie abzuschaffen, das ist tödlich für ein Stadttheater wie unseres. Wir leben davon, dass wir mit der Stadt verbunden sind. Das fördern wir gerade ganz extrem und da wäre eine solche Schließung eigentlich Selbstmord, denn das wäre der Tod auf Raten. Dann hat man irgendwann nur noch ein Bespielhaus und das ist einer Stadt wie Görlitz und der Region gegenüber völlig unwürdig. In der derzeitigen Situation – und das haben in den letzten Wochen auch die Wahlergebnisse gezeigt – sind Theater und Kultur wichtiger denn je. Wie bieten hier Theaterpädagogik, das haben wir wieder eingeführt, Tanzclubs für Kinder und Jugendliche. Das sind pädagogische Angebote, das ist kulturelle Bildung. Und in Zeiten geistiger Verengung, in denen die AfD mit dumpfen Parolen auf Stimmenfang geht, sind wir wichtiger denn je. Deshalb wäre es fatal und blödsinnig, am Theater zu kürzen."