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Grün, so weit das Auge reicht

In den meisten Büros stehen irgendwo Grünpflanzen herum - häufig ein bisschen verdorrt, und eher zufällig mal gegossen. Nur wenn die Mitarbeiter sich selbst dafür einsetzen, blüht und gedeiht es an ihrem Arbeitsplatz. Ganz anders ist das bei der Firma Lamy in Heidelberg: Der Schreibgerätehersteller mit rund 400 Angestellten setzt auf konsequente Begrünung der Firma. In allen Büros, vor den Gebäuden, auf dem Dach Pflanzen, so weit das Auge reicht.

Von Ulrike Till |
    Schon auf dem Parkplatz des Lamy-Geländes staunt der Besucher über exotische Tulpenbäume; an üppigen Bambussträuchern vorbei gelangt man zum Eingang. Die größte Überraschung aber wartet auf dem Dach der Fabrikhalle: dort hat die Firma schon in den Siebzigern einen fußballfeldgroßen Garten angelegt - heute ist es ein richtiger kleiner Park mit Rasen, Bänken und bunten Blumenbeeten:

    Eine Überdachung mit Glyzinien, mit Kletterrosen, für die Augen, für die Sinne, für das Riechen. Dann eine Blumenwiese, die natürlich wachsen sollte, weitgehend natürlich, und darauf dann Streuobst, Äpfel, Birnen, Mirabellen und so weiter, die natürlich dann auch von der Belegschaft in geringem Umfang genutzt werden kann - Das heißt, Sie ernten hier richtig Obst? - Wir ernten nicht, aber wir haben die Möglichkeit, mal einen Apfel zu pflücken...

    Stolz zeigt Logistik-Chef Bernd Werz auch noch das große Wasserbecken im japanisch angehauchten Skulpturenteil des Dachgartens:

    Darüber hinaus haben wir noch Wasser auf das Dach gebracht, in der Hoffnung, dass es nie undicht wird, und so ab April, Mai ist die gesamte Wasserfläche überdeckt von Seerosen, was natürlich hervorragend auch für die ganzen Insekten ist, die sich hier dann tummeln und die dann unsere Obstbäume wieder befruchten.

    Klar, dass die meisten Mitarbeiter bei schönem Wetter jede freie Minute draußen verbringen:

    Super ! Wir freuen uns, dass die Sonne so schön scheint und da machen wir immer Pause draußen. Das ist sehr gut, man entspannt sich, und die Vögel, die Blumen, ist doch angenehm.

    Auch Innendienstleiter Henrich Delius tankt hier regelmäßig neue Energie:

    Ja, wir sind ja hier in einem Gewerbegebiet, die Umgebung ist ziemlich grau und langweilig, nicht so angenehm; und dann hat man so eine kleine Oase der Ruhe, in die man sich zurückziehen kann in der Mittagspause, und wo man sich wohl fühlt, und man denkt eigentlich man ist in einem Park, und geht dann wieder mit frischen Kräften zurück an die Arbeit hinterher.

    Auch in den Büros - Grün soweit das Auge reicht: Große Ficus-Palmen, Drachenbäume - das Dschungel-Flair, erklärt Bernd Werz, hat ganz handfeste Vorteile:

    Im Büro haben wir das aus zweierlei Gründen gemacht: einerseits um eben für das Auge was zu tun, auch für das Klima; aber auch gerade in einem Großraumbüro ist doch ne Grünpflanze oder viele Grünpflanzen sehr entscheidend für die Akustik. Es wird sehr viel telefoniert, und da wollen wir natürlich dass das trotz allem noch sehr individuell und intim gemacht werden kann, und da tragen die Pflanzen sehr viel dazu bei.

    Die Mitarbeiter gießen ihre Pflanzen selbst; die grüne Unternehmenskultur ist auch bei Martina Heilig und ihren Kolleginnen in der Verwaltung fest verwurzelt:

    Es hilft der Entspannung. Sprich wenn man doch sehr viel am Computer arbeiten muss, sehr konzentriert sein muss und ab und zu mal den Blick ein bisschen schweifen lassen möchte, einfach auch um die Augen zum Beispiel zu entspannen, ist es doch schön, wenn man ins Grüne blickt anstatt jetzt nur auf grauen Beton oder trübes Wetter oder so - von daher: positiv.

    Der positive Effekt ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt, sagt Peter Menke von der Organisation "Plants for People":

    Die Untersuchungen geben Zahlen heraus, wo Rückgang von Husten-Erkrankungen um bis zu 37 Prozent, oder Beschwerden wie trockener Hals um 30 Prozent zurückgehen; Menschen, die über trockene gereizte Haut klagen, werden über mehr als 23 Prozent weniger belastet in Räumen, die durch Pflanzen klimatisiert sind.

    Allerdings muss man bei der Auswahl der Pflanzen aufpassen:

    Ich sage dass ein Kaktus da nicht sonderlich geeignet ist, denn relevant ist im Wesentlichen die Frage der Stoffwechselaktivität einer Pflanze. Sprich, Pflanzen die einen hohen Stoffwechsel haben, die viel Feuchtigkeit verdunsten, sind natürlich wirksamer. Und das sind dann beispielsweise ne Zimmerlinde oder Zyperngras.

    Für die gute Laune der Mitarbeiter ist es aber egal, welche Pflanzen sie um sich haben - für Sekretärin Christine Linke ist nur wichtig, dass überhaupt etwas wächst in ihrem Blickfeld:

    Ich brauche Grün. Wenn ich aus dem Fenster gucke, und ich würde nur Mauern sehen, da würde ich traurig werden, muss ich sagen, würde ich drunter leiden. Das ist einfach meine Psyche, ich hab das Gefühl, da wo Grün ist, dass ich da irgendwie besser atmen kann, einfach dass ich mich freier fühle.