Sonntag, 26. Juni 2022

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Hohe Steuern auf die Kunst?

Lückert: Es gibt auch Sparanstrengungen der Bundesregierung im Kunstbereich, denn es soll eine Steuererhöhung auf den Verkauf von Gütern geben, die nicht dem täglichen Gebrauch dienen. Zu denen gehören eben auch Bilder. Von Christoph Stölzl war in Sachen Opern schon die Rede. Er ist auch seit einiger Zeit der Berater der Villa Grisebach, einem der wichtigsten deutschen Auktionshäuser. Ich stelle an Bernd Schultz von der Villa Grisebach die folgende Frage: Konnte und kann Christoph Stölzl als Politiker nicht auch ein paar Ratschläge geben, wie die Entscheidung des Bundeskabinetts über die Steuererhöhung, die für den morgigen Mittwoch erwartet wird, dennoch abzuwenden sei? Könnten Sie da noch Einfluss nehmen?

Bernd Schultz vom Auktionshaus Villa Griesebach im Gespräch | 19.11.2002

Schultz: Also wir sind dabei, Einfluss zu nehmen in Form eines Briefes an den Bundeskanzler, den wir ihm am 14. November persönlich geschickt haben. Wir versuchen, Einfluss zu nehmen auf die jeweiligen Herren, die damit involviert sind, die Herren sowohl vom Finanzministerium als auch vom Bundeskanzleramt. Ich glaube nicht, dass Christoph Stölzl uns da helfen kann, weil das so spezifische Steuerfragen sind, die auch historisch gewachsen sind, dass ich glaube, dass die Fachleute da die besseren sind.

Lückert: Es geht um die Erhöhung der Umsatzsteuer von sieben auf sechszehn Prozent auf den Verkauf von Kunstwerken. Darunter leiden die Museen, weil sie sich nicht mehr so viel Kunst leisten können. Für die Künstler scheint das jedoch auf den ersten Blick eine positive Entwicklung zu sein.

Schultz: Ich weiß nicht warum. Sagen wir mal Herr Richter verkauft ein Bild für eine Millionen Euro. Früher hat er eine Million plus sieben Prozent Mehrwertsteuer fakturieren müssen. Jetzt muss er eine Million plus sechszehn Prozent Mehrwertsteuer fakturieren. Derjenige, der das Bild kauft, muss neun Prozent mehr bezahlen. Das kann kein Vorteil für den Sammler, das kann aber auch kein Vorteil für Künstler sein, weil dadurch seine Ware teurer wird, wenn man mal Kunst als Ware bezeichnen darf.

Lückert: Was befürchten Sie also für den deutschen Kunsthandel?

Schultz: Ich glaube, das Problem ist, dass wir uns in einem internationalen Wettbewerb befinden und dass sich die Gebühren, wie sie jetzt in Deutschland erhöht werden sollen, zu einem dramatischen Wettbewerbsnachteil auswirken. Dazu gehören eben die einfache Umsatzsteuer und die Mehrwertsteuer. Das ist das Gravierendste. Ich will ihnen das mal an einem Beispiel verdeutlichen. Wenn man die Zahl 100.000 nimmt, dann zahlt man in London neutrale Abgaben 8.400 und in Deutschland bereits jetzt 14.116. Es soll aber so sein, dass die Abgaben in London in Zukunft bei der Höhe bleiben und in Deutschland steigen sie auf 24.780. Damit sind wir nicht mehr konkurrenzfähig, zumal sich dieses Beispiel auch beliebig auf Paris, auf die Schweiz, auf New York und auf Wien erweitern lässt.

Lückert: Das heißt, sie befürchten Abwanderungen des Kunsthandels in das europäische Ausland?

Schultz: Es wird eine Abwanderung geben, weil man dann die Orte nimmt, wo man günstigere Konditionen hat. Es wird vor allen Dingen nichts nach Deutschland kommen. Lassen Sie es mich an einem Beispiel verdeutlichen. Zum Beispiel außerhalb der EU - nehmen Sie Israel, Südamerika, Nordamerika - werden diese Dinge automatisch im Zusammenhang mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 16 Prozent, wie auch mit dem Folgerecht, die eine Sozialabgabe im Zusammenhang mit dem Urhebergesetz ist und 5 Prozent in Deutschland beträgt, 21 Prozent teurer. In unserer letzten Auktion hatten wir ein Drittel außerhalb der EU. Also das kommt häufig vor. Das heißt also, ein Nolde-Bild zurückgeführt nach Deutschland würde in dem Augenblick, wenn es 100.000 Mark für den Kunden sind, 21.000 Mark fremde Kosten in Deutschland bedeuten, in England aber nur 108.000.

Lückert: Gäbe es denn nicht die Möglichkeit, dass man mit geschönten Preise hantiert und den Rest eben unter der Hand abwickelt?

Schultz: Das ist eine kecke Frage, die Sie als Moderatorin sicherlich nicht stellen sollten. Außerdem machen wir das nicht, weil wir dann bald im Gefängnis sind. Das kann sich kein seriöses Haus leisten und wird sich auch kein seriöses Haus leisten. Wir müssen dafür sorgen, dass wir weiter wettbewerbsfähig bleiben. Das Finanzministerium argumentiert, sie wollen Steuerschlupflöcher stopfen. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, wenn dieses auch gleichzeitig in den anderen Ländern stattfindet. Die Wettbewerbsverzerrung für Deutschland im Zusammenhang mit unserem Hauptkonkurrenten London ist das Vierfache, also 400 Prozent. Damit kann der deutsche Kunsthandel nicht leben. Und damit wird der Kunsthandelplatz Deutschland begraben werden.

Lückert: Gibt es denn auch eine zusätzliche Versteuerung von Gewinnen aus Kunstverkäufen für Privatleute?

Schultz: Das soll dazu kommen, wobei im Augenblick selbst die zuständigen Finanzleute nicht genau wissen, was sie nun beschlossen haben. Es gibt diesen Einkommensteuerparagraphen 23, der erst bedeuten sollte, dass Aktien und Immobilien mit dem vollen Einkommensteuersatz bei Verkauf versteuert werden sollen. Nun sind es 15 Prozent. Wir wissen nicht, ob jetzt die Kunst mit dazu gehört. Keiner kann uns darüber eine Auskunft geben. Es wäre genauso verhängnisvoll, denn zu diesen 16 Prozent Mehrwertsteuer plus 5 Prozent Folgerecht kämen dann noch mal 15 Prozent Einkommensteuer. Das wären quasi bei Höchststeuersatz 7 Prozent, das heißt 28 Prozent Belastung bevor überhaupt irgend jemand etwas bezahlt hat. Das ist einfach reiner Wahnsinn.

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