Mittwoch, 17. April 2024

Archiv

Holger Falk singt Gondellieder
Hörreise nach Venedig

Der Bariton Holger Falk wird zum venezianischen Gondoliere. Mit dem Ensemble nuovo aspetto und dem Klangkunstduo Merzouga nimmt er auf eine akustische Reise mit. Er singt stimmlich wunderbar genau geführte Lieder, Merzouga erreichtet die Kulisse auf Basis von Feldaufnahmen aus Venedig.

Am Mikrofon: Oliver Cech | 30.08.2020
    Über einen schmalen Kanal führt eine steinerne Brücke auf der Menschen stehen und auf die Gondeln schauen, die auf dem Wasser liegen.
    In die verwinkelten Gassen und Kanäle verführt das neue Album von Holger Falk und dem nuovo aspetto. (imago stock&people / Volker Hohlfeld)
    Musik: atmosphärische Töne aus "Benvenuto a Venezia"
    Wohin versetzen uns diese Geräusche, wohin trägt uns diese Klangwelt: In welche große alte Stadt?
    Eine Stadt am Mittelmeer, tollkühn erbaut auf Schwemmland, an den Ufern einer Lagune gelegen. Venedig! La Serenissima, also: die Heitere, so haben ihre Bewunderer diese Stadt genannt. Ein Netzwerk von über 170 Kanälen durchzieht die Altstadt von Venedig; um von hier nach dort zu kommen, nimmt man also am besten ein Boot. Wenn man Romantiker ist, nimmt man natürlich kein Motorboot, sondern: eine Gondel. Schon weil die Gondoliere so schön singen! Sie singen ganz eigene Lieder: Seit dem 17. Jahrhundert hat sich ein eigenständiges Genre entwickelt aus ihren Gesängen.
    Il Gondoliere Veneziano heißt eine neue CD, die diese Lieder sammelt – eine Zusammenarbeit des Ensembles Nuovo Aspetto mit dem Bariton Holger Falk. Höchst innovativ stellen sie die Lieder in eine Klangwelt, die uns unmittelbar nach Venedig tragen soll. Als säßen wir selbst in einer Gondel!
    Musik: Johann Simon Mayr - La bionda
    "La bionda in gondoletta"… Neulich Nacht nahm ich die Blonde / Mit in meine Gondel / Vor Vergnügen ist die Arme / Auf einen Schlag eingeschlafen.
    Dieses Stück gehört zu den bekanntesten Gondelliedern. Die venezianischen Barcarolen oder Canzoni da Battello – also: Lieder, die auf einem Boot gesungen werden – verbinden in ihren Melodien und bevorzugten Motiven ganz lässig Volkskultur und Hochkultur, als hätten sie immer schon zusammengehört. Die Gondoliere auf den Kanälen Venedigs waren eben in einer Stadt unterwegs, die seit der Renaissance stets ganz vorn mitgemischt hat im Musikgeschehen.
    Adlige Musik für alle
    Durch die Gründung einer Singschule begann im 16. Jahrhundert der Aufstieg Venedigs zur Musikmetropole. Claudio Monteverdi, einer der Begründer der Gattung Oper, war hier Domkapellmeister am Markusdom. Und 1637 eröffnete in Venedig das erste öffentliche Opernhaus der Welt.
    Das war natürlich lange Zeit nur dem Adel und den Wohlbetuchten zugänglich. Die kleinen Leute lernten die schönsten Arien dennoch bald kennen! Denn die Spatzen haben diese Lieder von den Dächern gepfiffen – und die Gondoliere haben sie gesungen, auf den Kanälen der Stadt.
    Musik: Giuseppe Tartini: Arie des Tasso
    Die schmerzliche Arie des Tasso, von Giuseppe Tartini … gesungen von einem einsamen Bootsmann, der auf Kunden wartet… und von seiner Liebsten träumt. Bis er sich auf den Weg macht zum nächsten Kunden.
    Ein eigenes Musikgenre
    Die Lieder der Gondoliere von Venedig waren der gebildeten Welt in ganz Europa bekannt. Der Dichter Goethe hat davon geschwärmt, ebenso wie der Musiker Mozart und der Philosoph Rousseau. Die Melodien stammen zum Teil aus den großen Konzerthäusern, zum Teil aus Volksliedern – und immer wieder haben die Gondoliere auch eigene Weisen gefunden, Bekanntes umgedeutet, spontan neue Texte und freche Variationen erdacht. So ist mit der Zeit ein eigenes Genre entstanden: Lieder, auf dem Wasser zu singen. Der berühmte Londoner Musikverleger John Walsh hat in den 1740er Jahren eine umfangreiche Sammlung solcher Canzoni veröffentlicht – und ihnen damit den Weg gebahnt in die europäischen Salons. Dabei ging es, anders als im Kunstlied, nicht immer kultiviert um "schöne Töne".
    Musik: Anon - Dal cuor che tanto
    Die Canzoni der Gondoliere wollen nicht erheben, sie wollen keinen erlesenen Kunstgenuss bieten – sondern unterhalten! Eine Geschichte erzählen! Oft wollen sie belustigen. Und da darf man als Sänger nicht zimperlich sein bei der Wahl der vokalen Mittel… Soni i zerbini come le rose heißt das folgende Lied. Also: "Die Lackaffen sind wie die Rosen". Der Gondelsänger macht sich lustig über die parfümierten Herrschaften, die, wie er singt, "sich aufbrezeln" und "die Liebenden spielen". Doch in Wahrheit sind die feinen Leute zimperlich und knauserig, sie haben tausend Laster.
    Musik: Pietro Auletta - Soni i zerbini come le rose
    Soni i zerbini come le rose heißt diese Canzone. "Die Lackaffen sind wie die Rosen": Duftend, doch voller Dornen!
    Eine clevere Dramaturgie
    Der Bariton Holger Falk ist gerade der richtige Mann für das Genre der Gondellieder. Er gurrt und schmeichelt, wo es gilt, zu gurren und zu schmeicheln; aber wo es sein muss, da grollt Falk auch und schimpft wie ein Rohrspatz. Seine wohltönende Stimme liegt gut geführt und locker auf dem Atem, doch verzichtet der Opernsänger in seiner Gondel auf vokale Zurschaustellung. Jedes der Lieder wirkt durchlebt und ist von spontanem Affekt getragen.
    Das könnte auf Dauer auch anstrengend werden. Doch klugerweise hat das Ensemble nuovo aspetto immer wieder instrumentale Ruhepunkte eingestreut: Drei Konzertsätze des Venezianers Antonio Vivaldi, neu arrangiert und in kleiner Besetzung feingliedrig musiziert – und eine temperamentvolle Tarantella – für Salterio!
    Musik: Anon - Tarantella
    Freude über den gefundenen Groschen
    Das Ensemble nuovo aspetto ist an allen Pulten einfach besetzt. Hier geben nicht die Streicher den Ton an, sondern meist die Zupfinstrumente wie Harfe, Barockgitarre und Salterio, eine Kastenzither. Da öffnet sich eine mediterrane Klangwelt, feinsinnig, transparent und tänzerisch. Zusammen mit dem Sänger Holger Falk entsteht Kammermusik, die auch den manchmal ruppigen und schlichten Liedern der Gondoliere Leben einhaucht und quecksilbrigen Witz. Wer kein dickes Portemonnaie hat, der kann nicht allzu viel feiern… heißt dieses Lied.
    Musik: Anon - Chi no ga la borsa grossa
    Da hat der Gondoliere offenbar doch noch ein paar Groschen gefunden, in seiner Hosentasche… aber was ist das?
    Musik: atmosphärische Töne aus "La Pescheria"
    Das ganze Album La Gondoliere Veneziano ist durchzogen von solchen überraschend eingestreuten Klanginseln…
    Ein Gesamtkunstwerk
    Das Duo Merzuoga ist nach Venedig gereist und hat für diese CD in Feldaufnahmen die Akustik der Stadt festgehalten. Klar: Die Gondoliere singen eben nicht in akustisch idealen Konzerträumen, sondern mitten im prallen Leben! Immer wieder tun sich Klangräume auf in den Kanälen; Kirchenglocken läuten von fern, Trägerboote ziehen vorüber, eine Osteria öffnet ihre Tür, wir besuchen den Fischmarkt… Venezianische Alltagswelten, durchzogen von musikalischen Einsprengseln. Denn diese Stadt kann nicht leben ohne den Gesang.
    Musik: atmosphärische Töne aus "La Pescheria"
    La gondoliere Venziano heißt die neue CD. Kleine Tragödien, große Komik und manche erotische Eroberung auf den Wasserwegen Venedigs: italienisches Leben, in einem Konzeptalbum überzeugend musikalisch verdichtet. Ein Gesamtkunstwerk, das einfach Freude macht!
    Il Gondoliere Veneziano
    Holger Falk, nuovo aspetto, Merzouga
    Werke u.a. von Tartini, Vivaldi, Cerutti
    Prospero PROSP 0003, Bestnr. 80202229422