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Initiative der BuchbrancheFlüchtlinge mit Büchern willkommen heißen

Auch die Buchbranche startet eine Willkommensinitiative: Flüchtlinge sollen schnellen Zugang zu Lern- und Lesematerial erhalten. Beteiligt ist auch die LitCam, die unter anderem Kampagnen zur Alphabetisierung durchführt. Mit den Büchern wolle man das Deutschlernen unterstützen, sagte Direktorin Karin Plötz im DLF. Bücher in den jeweiligen Muttersprachen der Flüchtlinge sollten Rückzugswelten eröffnen.

Karin Plötz im Gespräch mit Henning Hübert | 07.09.2015

An der Decke über dem Stand der Kooperation Kinder- und Jugendbuch des Deutschen Taschenbuch Verlages (dtv) hängen am 14.03.2014 auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig (Sachsen) Bücher an Fäden.
Bücher sollen die Lust am Lesen - und am Lernen - wecken. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Henning Hübert: Laut Polizeiangaben sind von Samstag bis heute Morgen rund 20.000 Flüchtlinge mit Zügen aus Richtung Ungarn allein am Hauptbahnhof in München angekommen. Sie alle lesen oder vernehmen die Botschaft "Refugees Welcome – Flüchtlinge Willkommen".
Auch die Buchbranche hat eine Willkommensinitiative angekündigt: Flüchtlinge sollen einfachen und schnellen Zugang zu Lern- und Lesematerial erhalten, so der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Frankfurter Buchmesse und die LitCam in einer gemeinsamen Erklärung. LitCam ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die unter anderem Kampagnen zur Alphabetisierung durchführt - bisher in Südafrika und bald nun auch in Deutschland. - Ich habe die LitCam-Direktorin Karin Plötz gefragt, wo überall nun Lese- und Lernecken für Flüchtlinge entstehen sollen.
Karin Plötz: Wir werden das relativ frei machen, und zwar werden wir dahin gehen, wo wir die Möglichkeit haben, Räumlichkeiten zu nutzen, die von Flüchtlingen sehr schnell erreichbar sind, wo sie aber gleichzeitig die Möglichkeit haben, sich auch zurückzuziehen und da vor Ort zu lesen, dort zu schreiben oder sogar ehrenamtliche Helfer zur Verfügung stehen. Man kann natürlich darüber nachdenken, das später auch noch zu intensivieren und feste Leute da zu haben, aber das sind jetzt erst mal Pläne. Aber was feststeht ist, dass wir die Möglichkeiten nutzen möchten, die vor Ort vorhanden sind.
Hübert: Jetzt denkt man erst mal an Lexika, an Deutsch-Lehrbücher, Wörterbücher, vielleicht auch an Romane. Welche Bücher sollen denn nach Ihren Vorstellungen verteilt werden und in welchen Sprachen?
Plötz: Wir haben ja durch unsere Projekte "Fußball trifft Kultur" schon mit vielen Kindern mit Migrationshintergrund zu tun gehabt und würden ganz gerne eigentlich Materialien einsetzen, die zum Deutschlernen helfen. Die würden wir aber so aufteilen in Gruppen für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene, aber auch für Analphabeten. Das heißt, wir würden auf Lesematerial zurückgreifen, was auch gut genutzt werden kann, um sich selbstständig Deutsch beizubringen oder selbstständig ein bisschen was zu lernen, und gleichzeitig aber auch versuchen, Literatur in der Sprache der jeweiligen Flüchtlingsnationen zu bekommen, das heißt Literatur aus Syrien oder Irak, dass diejenigen, die vor Ort sind, sich auch mal zurückziehen können, auch mal sich in Lesewelten flüchten, das heißt auch mal in ihrer Heimatsprache was zu lesen und sich zurückzuziehen, wenn sie im Grunde in Flüchtlingsheimen sind und nicht großartig was machen können.
Hübert: Was ist denn Ihr Eindruck? Können doch die meisten gut lesen?
Plötz: Ich glaube, dass diejenigen, die jetzt kommen, speziell die Syrer, eine gute Allgemeinbildung haben, was wir auch mitbekommen von den Kindern, den syrischen Flüchtlingskindern, die wir auch in unserem anderen Projekt haben. Das ist jetzt die erste Welle. Ich weiß nicht, was sonst noch kommt. Was meine Informationen sind ist, dass doch 20 bis 25 Prozent wenig lesen und schreiben können.
Hübert: Ihre Aktion heißt "Bücher sagen willkommen". Mit diesen Lese- und Lernecken starten Sie, darüber haben wir gesprochen. Heißt das nicht eigentlich im Augenblick, Amateure sind einfach schneller gerade beim Deutsch beibringen, schneller als staatliche Bildungseinrichtungen?
Plötz: Sagen wir mal pragmatischer. Es ist natürlich einfacher, dass wir schnell mal was machen können, als wenn vom Ministerium was eingesetzt werden muss. Gleichzeitig sind die Schulen unter wahnsinniger Anstrengung, die IK-Klassen oder die Intensivklassen überhaupt mit Lehrern auszustatten, die jetzt wirklich in Massen eingerichtet werden müssen. Von daher ist zusätzliche Hilfe, glaube ich, auch wirklich notwendig.
Gastland Indonesien auf der Buchmesse
Hübert: Mitte Oktober startet die Frankfurter Buchmesse. Gastland wird Indonesien sein. Was planen Sie da?
Plötz: Wir sind wirklich da noch in der Planung. Wir haben auf jeden Fall 500 Karten für Flüchtlinge bereitgestellt. Da bin ich mit Organisationen im Gespräch, die dann gemeinsam mit den Betreuern verschiedene Flüchtlingsgruppen zu uns auf die Messe bringen. Wir werden verschiedene Veranstaltungen für die Flüchtlinge machen, auch in der jeweiligen Heimatsprache in Frankfurt. Die größte Gruppe sind Eritreer, dann Syrer und Afghanen und dementsprechend werden wir das Programm so ein bisschen danach richten. Wir werden natürlich auch Führungen haben für die entsprechenden Gruppen und einen Welcome Place.
Hübert: Frau Plötz, auf welche Erfahrungen rekurrieren Sie? Was nehmen Sie sich zum Vorbild?
Plötz: Wir haben da eigentlich zwei Sachen. Das eine, was ich schon erwähnt habe, ist unser "Fußball trifft Kultur"-Projekt. Das zweite ist, dass wir 2010 zur Cape Town Book Fair in Kapstadt einen Reading and Learning Room in Mfuleni - das ist ein Township in Kapstadt - gegründet haben mit der Idee, auch den Gemeindemitgliedern einen schnellen Zugang zum Lesen und Schreiben zu bringen, und haben da eine Lese- und Lernecke, also einen Reading and Learning Room in einem Gemeindezentrum eingerichtet. Das ist eine Bibliothek und da stehen die Bücher dann von uns. Wir haben da einen Lehrer angestellt, der zweimal die Woche den Kindern in verschiedenen Altersgruppen auch Nachhilfe gibt, dass wir das verbinden.
Hübert: … sagt die LitCam-Direktorin Karin Plötz über das Township-Vorbild für die deutsche Aktion „Bücher sagen Willkommen“ des Buchhandels.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.