Mittwoch, 28. Februar 2024

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Jacques Offenbach: ''Orpheé aux enfers''

Am Mikrofon Frank Kämpfer. Ich stelle Ihnen heute zwei historische Aufnahmen vor, die in den Schallplattenläden lange Zeit fehlten, und die exemplarisch sind für das Verständnis des Theaters von Jacques Offenbach. * Musikbeispiel: Offenbach - aus: Orpheé aux enfers Ein König, den die Öffentliche Meinung erschreckt. Ein Musikpädagoge, der die untreue Gattin zurückfordern soll. Und, beider Konkurrent, ein Unterweltsgott, der sich als liebender Hirte ausgibt. Diese drei und ein gelangweilter, sensations-geiler Hofstaat sind das Personal einer Szene, in der höchst seltsame Dinge geschehen und wo sich manches auf schwankendem Boden abspielt.

Frank Kämpfer | 31.08.2003
    Derlei verlangt die Gattung, die sich nach ihrem Komponisten benennt; derlei bietet Jacques Offenbach 1858 im Theatre des Bouffes-Parisiens seinem Publikum an. Orphée aux enfer (dt: Orpheus in der Unterwelt) strotzt vor Doppelbödigkeit und zweifachem Sinn. Das Gluck-Zitat ist ein Verweis: hier wird ein archaischer Mythos zitiert, genauer gesagt: persifliert und hineingerissen in den wilden, ungezähmten Strudel der Offenbachiade. Das Geschehen um Orpheus, Eurydike, Pluto und Jupiter ist zugleich deftige Zeitparodie. Denn der mit Blendwerk und Bluff aufgeladene antike Olymp meint auch den Hof Napoleon III. und gibt beider frappierende Schäbigkeit den Lachmuskeln preis.

    Aber noch ein drittes Moment prägt die Offenbachiade: dies ist der Geist einer Musik, die böse spottend, desillusionierend, aber auch bedrängend melancholisch sein kann. Und der es obliegt, die Lebensgeister zu wecken, Grenzen zu sprengen und sich bis zur Ekstase steigern. Auch eine andere Gesellschaftssatire im Mythengewand verheißt Erlösung im musikalischen Rausch. Im folgenden Terzett aus der 1864 uraufgeführten Bouffe ''La belle Hélène'' (dt. Die schöne Helena) sind es der dröge Menelaus, der gern pompöse Agamemnon und der Falschspieler Kalchas, denen es - derweil sie den Sittenverfall anprangern - gefährlich in den Beinen zu zucken beginnt. * Musikbeispiel: Offenbach - aus: La belle Hélène Ein Ausschnitt aus dem erstaunlich flotten Terzett der Moralwächter Kalchas, Agamemnon und Menelaos, die des letzteren Gattin - die Schöne Helena, die Titelfigur der Offenbachschen Opera Bouffe - soeben der Göttin Venus zu opfern vermeinen, als deren Priester wiederum kein anderer als der gerissene trojanische Libertin Paris erscheint.