
Wenn es gesellschaftlich heikel werde, die sozialen Diskrepanzen groß seien, wenn die Despoten die Überhand gewinnen, dann werde der Karneval politisch, betonte der Publizist. Wenn der Karneval jetzt nicht in die Vollen gehe, dann sei er ganz sicher hinfällig. Bong meinte, man werde nach den Landtagswahlen sehen, ob im nächsten Jahr die Karnevalsumzüge vielleicht schon verboten würden.
Karneval als Kritik an preußischer Besetzung
Bong erklärte weiter, der moderne Karneval sei eine junge Erfindung aus der Zeit des Vormärz. Es herrschte damals eine strenge Zensur. Der Karneval sei eine Möglichkeit gewesen, dem Unmut gegenüber der preußischen Besetzung im Rheinland Ausdruck zu verleihen. Im Badischen, im Rheinland, insbesondere in Mainz habe es die ersten Wurzeln der Demokratie gegeben. In Köln und Mainz habe das Bürgertum in den 1830er Jahren den Karneval übernommen. In Köln sei dann das Festkomitee für den ersten Rosenmontagszug 1823 gegründet worden.
Viel politische und gesellschaftliche Kritik sei im Karneval formuliert worden. Angesichts der aufgeheizten Stimmung sei es für die Autoritäten schwierig gewesen, dies zu verbieten, erklärte Bong. Es habe Massenarmut gegeben, tausende Menschen seien verhungert. "Politische Versammlungen waren verboten, der Karneval bot einen phantastischen Schutz." Er sei froh, dass sich der Karneval jetzt wieder auf seine genuine Funktion besinne.
Karnevals-Wagenbauer Tilly ist in Moskau angeklagt
Der Bildhauer und Karnevals-Wagenbauer Jacques Tilly ist in Moskau angeklagt, weil er den russischen Präsidenten Putin in den Umzügen in Düsseldorf mehrfach kritisch dargestellt hatte. Tilly sagte unlängst, er sehe dies als Bestätigung seiner Arbeit. Putin habe Angst vor Satire und Kritik. Zwar drohten ihm zehn Jahre Straflager. Aber das Regime in Moskau mache sich lächerlich, indem es seine Justiz gegen Pappfiguren und politische Karnevalssatire in Stellung bringe.
Jörg Bong verfasste das Sachbuch "Die Flamme der Freiheit", der erste Band der Trilogie über die deutsche Revolution 1848/1849. Bong schreibt auch Essays für diverse Zeitungen, Schwerpunkte sind die deutsch-französische Freundschaft und das Engagement für die Demokratie. Unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec verfasste er seit 2012 Kriminalromane um die von ihm erfundene Figur des Kommissars Dupin.
Diese Nachricht wurde am 15.02.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
