Dienstag, 28. Juni 2022

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"Junge Freiheit"-Chef Dieter Stein
"Zu viele linke Journalisten in öffentlich-rechtlichen Sendern"

Der Chefredakteur der konservativen bis rechtsnationalen Wochenzeitung "Junge Freiheit" spricht vor AfD-Wählern über Medien und den "Lügenpresse"-Vorwurf - das klingt nach einer einmütigen Veranstaltung. Doch bei dem Vortrag Dieter Steins in der Hamburger Bürgersprechstunde der AfD fanden Vortragender und Zuhörer teils nur schwer zueinander.

Von Axel Schröder | 19.04.2016

Großes Interesse, vor allem älterer Menschen, beim Vortrag des Junge-Freiheit-Chefredakteurs zum Thema „Lügenpresse“ im Hamburger Rathaus.
Großes Interesse, vor allem älterer Menschen, beim Vortrag des Junge-Freiheit-Chefredakteurs zum Thema „Lügenpresse“ im Hamburger Rathaus. (Deutschlandradio/Axel Schröder)
Brechend voll ist Raum 151 im Hamburger Rathaus. Von draußen werden noch Stühle hereingebracht, einige Besucher müssen stehen. Normalerweise erklären hier der Bürgermeister und seine Senatoren ihre Politik, aber einmal die Woche lädt auch die AfD hier zur Bürger-Sprechstunde. Diesmal ist ein Vortrag angekündigt. Der Titel: "Medien-Manipulationen: Was ist dran am Lügenpresse-Vorwurf?". Es referiert Dieter Stein, Chefredakteur und Gründer der konservativen bis rechtsnationalen Wochenzeitung "Junge Freiheit". Die Begrüßung übernimmt Jörn Kruse, der Landesvorsitzende der Hamburger AfD:
"Wir alle in der AfD haben ja das Problem, dass wir häufig gegen den Mainstream ankämpfen müssen. Das haben wir nicht in der Hand, aber es ist leider so. Und deshalb begrüße ich ganz herzlich die Ausnahme von dieser Regel. Und ich freue mich, dass ich ihnen jetzt das Wort geben kann, Herr Stein!"
Lügenpresse: "Ich bin kein Freund dieses Begriffes"
Dieter Stein ist beeindruckt, wirkt fast ein bisschen unsicher angesichts der vielen, rund 120 Zuhörer. Und für eine erste Klarstellung zum Begriff "Lügenpresse" bekommt Dieter Stein keinen Applaus:
"Ich halte ihn für eine polemische Überspitzung und bin kein Freund dieses Begriffes! Ich bin der Meinung, viele Journalisten machen ihre Arbeit gut. Mit Sorge beobachte ich insgesamt in den letzten Monaten nicht nur unter diesem Stichwort eine Verrohung der Debatte."
Und gegen diese Verrohung müsse man vorgehen, so Dieter Stein. Sogar seine Kollegin Dunya Hayali nimmt er in Schutz. Ihr hatte vor einigen Wochen die AfD-Sprecherin Frauke Petry ein Interview verweigert. Schließlich sei die Journalistin eine "politische Aktivistin", eine "linke politische Aktivistin". Im Publikum herrscht Schweigen. Bis Dieter Stein einen Facebook-Eintrag des Bundesvorstands der AfD-Jugendorganisation zitiert, der nach den sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen in der Silvesternacht gepostet wurde:
"Die Grüne Claudia Roth habe in Köln "mitvergewaltigt". Den Rechtsstreit wegen Beleidigung hat er, glaube ich, gewonnen. Aber darum geht es mir eigentlich nicht. Es geht darum, meiner Meinung nach, bei so einer Auseinandersetzung nur noch darum, politische Gegner herabzuwürdigen und zum Feind zu erklären."
"Wir haben auch schon diverse Fehler begangen"
Eine halbe Stunde kommen Dieter Stein und seine Zuhörer nicht wirklich zusammen. Dort, wo der Chefredakteur der "Jungen Freiheit" besonders widerliche Auswüchse im politischen Kampf schildert, gibt es Gelächter. Und erst als der Journalist, der einst selbst politisch aktiv war, erst bei der CDU, später für einige Jahre bei den Republikanern, erst als er vermeintliche Verfehlungen von Journalisten und Medienanstalten aufzählt, gibt es Zustimmung aus dem Saal. Dass der SWR vor den Landtagswahlen die Vertreter der AfD nicht in Diskussionsrunden eingeladen hat, sei skandalös:
"Der SWR hätte Staatsferne selten besser zeigen können, wenn er der demonstrativen Erpressung der regierenden Parteien hier nicht nachgegeben hätte."
Allzu oft, so Dieter Stein, gehe es in den Medien um eine "Inszenierung von Realität". Attacken gegen AfD-Politiker wie der Tortenwurf auf Beatrix von Storch würden bagatellisiert. Und gerade beim Flüchtlings-Thema würden die meisten Medienvertreter unbequeme Wahrheiten einfach unterschlagen oder Tatsachen verdrehen:
"Diejenigen, die unter der Folgelast der kopflosen Politik der Bundeskanzlerin ächzen und beinahe zusammenbrechen, kommen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zwar auch vor, aber stets in der Rolle der Querulanten!"
Und wie schätzt er die Rolle der eigenen Zeitung ein? Sind die Redakteure der Jungen Freiheit stets neutral? Gelingt der Zeitung eine objektive, fehlerfreie Berichterstattung, ohne tendenziösen Zungenschlag?
"Nee. Wir haben auch schon diverse Fehler begangen. Auch wir schreiben ja aus einer bestimmten Haltung und einer Warte heraus. Davon sind wir selbstverständlich nicht frei."
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk solle auf jeden Fall erhalten bleiben, so Dieter Stein. Allerdings würden dort viel zu viele linke Journalisten arbeiten. Das müsse sich ändern.