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Jux in Moskau

In der Sowjetzeit war das "Hotel Lux" Gästehaus der Kommunistischen Internationale. Nach 1933 vereinigten sich hier Exilanten aller Länder, aber auch Denunzianten aller Couleur – ein Albtraum aus der Ära des stalinistischen Terrors. Jetzt hat Leander Haußmanns einen Film mit dem Titel "Hotel Lux" gemacht, der mit dem Schrecken von einst Spott treiben möchte.

Von Josef Schnelle | 27.10.2011

Was die Satire darf, hat Kurt Tucholsky einmal definiert: Alles! Aber was darf der einfache Spaßmacher, der Karnevalskabarettist, der Spezialist für den Schenkelklopfhumor oder der arrivierte Alleinunterhalter? Oder der anerkannte Theaterregisseur, der gerne einmal unter der Gürtellinie zulangt? Dieses unbekannte Terrain auszuloten, das hat sich offenbar Leander Haußmann für den Film "Hotel Lux" vorgenommen, dessen Produktionsvorgeschichte angeblich jede Menge Bände an Hintergrundliteratur füllen könnte. Der bekannte Romancier und Drehbuchautor Uwe Timm schrieb ein erstes Skript. Helmut Dietl sollte ursprünglich die Regie übernehmen. Seit 15 Jahren wurde die Komödie über die Emigrantenzuflucht in Moskau anscheinend erfolglos herumgereicht. Haußmann hat sich nun mit Jürgen Vogel und Bully Herbig am Unmöglichen versucht: an der Komödie über die Moskauer Menschenfalle "Hotel Lux", die kommunistische Dissidenten aus aller Welt, besonders aber aus Deutschland in den 30er-Jahren beherbergte. Darunter Walter Ulbricht, Herbert Wehner und Ho Tschi Minh. Hans Zeisig und Siggi Meier haben 1933 einen Hitler-Witz zu viel gemacht. Besonders die Rühmann-Parodie mit Hitler und Stalin in Revueeintracht vertreibt sie aus Deutschland:
Erst in Moskau sehen sie sich wieder. Der Hitlerdarsteller Meier und der Stalinparodist Zeisig finden einander im Gästehaus der Komintern – im Hotel Lux – und müssen bald neue und doch vertraute Rollen spielen. Es geht gleich ums Ganze, erst Recht, als sie der hübschen, noch vom Sozialismus überzeugten Holländerin Frida begegnen, in die sie sich natürlich komödienkompatibel beide verlieben. Frida ist zunächst das, was man eine 150-Prozentige nennen könnte, doch der Luftikus Zeisig zieht sie gleich mehr an als der politisch korrekte Meier. So will es das Drehbuch. Und Bully Herbigs Freundin zu werden, macht tatsächlich mehr Spaß als Jürgen Vogel bei seiner Kritik und Selbstkritik behilflich zu sein:

""Kann man ihm vertrauen'" – "Kann man dir vertrauen'" – " Unter Folter verrate ich alles." – "Meint er das so'" – "Er meint es so." – "Massenparteien warn mir schon immer suspekt." – "Massen interessieren ihn nur als Ausverkauft-Schild an der Kasse." – "Ich, ich bin in ner Partei. Ja. Ich hab sie gegründet und bin ihr einziges Mitglied." – "Die Egoisten-Partei, kenn ich. Da sind sie aber beileibe nicht das einzige Mitglied."

Klar, Haußmann versucht sich an einer politischen Komödie, schielt bis ins filmische Zitat hinein nach Vorbildern wie den Filmen von Ernst Lubitsch oder Mel Brooks. Doch die filmische Balance gelingt ihm nicht so recht. Der Film ist nicht ernst genug, da wo er mit aller Gewalt lustig sein will, und er ist nicht lustig genug, da wo er - selten genug - ernst sein will. Schließlich wurde das "Hotel Lux" in der Zeit der Moskauer Säuberungen Ende der 30er-Jahre nach vermeintlichen Trotzkisten durchkämmt. Etliche der sogenannten "aufrechten Kommunisten" verschwanden in den Lagern. Wird das Hotel Lux hier auf die Fallhöhe der Groteske gehoben? Leider nein. Verdacht, Verrat, tragisches Scheitern und Selbstbetrug schnurren in diesem Film zusammen auf einfache Gags, für die Bully Herbig als Oberspaßmacher der Republik garantiert. Dabei hätte man doch so gerne einmal eine realistische Geschichte des "Hotel Lux" gesehen. Wie ist es eigentlich gewesen, als Ulbricht und Wehner aufeinandertrafen. Was wäre aus der Welt geworden, wenn man all diese Idealisten auf sie losgelassen hätte. Die Komödie interessiert sich für all diese Fragen nicht. Trotzdem heißt sie "Hotel Lux". Man muss sich ja nicht die ganze Weltgeschichte als Comedy-Show vorstellen. Und eine Schießerei auf dem Dach muss schließlich nicht gleich so wirken, als habe man billig und schlecht für immerhin elf Millionen Euro Produktionskosten einen James-Bond-Film imitieren wollen.