Assoziierte EU-Mitgliedschaft
Kanada rückt näher an Europa heran

Angesichts von Donald Trumps unberechenbarer Zollpolitik hat sich Kanadas Premier Mark Carney für eine engere Anbindung seines Landes an die EU ausgesprochen. Was versprechen sich die Länder von einer Allianz?

    Der kanadische Premierminister Mark Carney und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geben sich vor der kanadischen und der EU-Flagge lächelnd die Hand.
    Mehr als nur ein herzlicher Handschlag: Aus den Beziehungen zwischen Kanada und der EU soll ein enger wirtschaftlicher Schulterschluss werden (picture alliance / Justin Tang / The Canadian Press via AP / Justin Tang)
    Könnte Kanada bald "assoziiertes EU-Mitglied" sein? In einer Rede vor dem EU-Parlament hat sich der kanadische Premierminister Mark Carney offen für den Vorstoß von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gezeigt. Carney selbst sprach von einer "Allianz für die Zukunft" oder auch "einzigartigen Allianz". 
    Schon bei seiner ersten Auslandsreise als Premierminister im März 2025 nach Paris hatte Carney Kanada als das "europäischste der nicht europäischen Länder" bezeichnet. 

    Inhalt

    Trumps Strafzölle und Drohungen: Bruch zwischen USA und Kanada

    Nachdem die monatelangen Verhandlungen zwischen Kanada und den USA Ende August gescheitert waren, eskalierte der Handelsstreit zwischen den beiden Ländern. Die USA erhoben Zölle auf kanadische Importe. Als Reaktion kündigte Kanada unter anderem Gegenzölle an. Präsident Trump verhängte daraufhin per Dekret Einfuhrverbote für kanadische Waren wie Molkereiprodukte und Motorräder, für weitere wurden die Zölle um 50 Prozent erhöht.  
    Ähnlich wie im Fall von China und Mexiko begründete die US-Regierung ihre Maßnahmen unter anderem mit einer Benachteiligung US-amerikanischer Hersteller in den bilateralen Handelsbeziehungen. Doch der Konflikt hat auch eine politische Dimension. Nach dem Scheitern der Handelsgespräche ordnete Trump an, dass der Lake Ontario von US-Bundesbehörden "Lake America" genannt werden soll. In der Vergangenheit sprach er auch wiederholt davon, dass Kanada zum 51. US-Bundesstaat werden könne.
    Angesichts der andauernden Drohungen und des wirtschaftlichen Drucks werden Trumps Äußerungen in Kanada zunehmend ernst genommen. 

    Ungleiche Nachbarn: Die Beziehung zwischen Kanada und die USA

    Der Historiker Volker Depkat unterstreicht, dass es weltweit wohl "kaum eine so tief verflochtene Region wie die kanadisch-US-amerikanische" gibt. Die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern sind aber gleichzeitig auch von Machtasymmetrie, Rivalität und zwei Invasionen auf kanadischem Gebiet geprägt. Kanada entwickelte sich aus französischen und britischen Kolonien. Eine anglofone und eine frankofone Identität und die bewusste Abgrenzung von den USA formten das Land.
    Die Industrialisierung und der Kalte Krieg führten schließlich zu der engen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Verflechtung, die wir heute in Nordamerika sehen. Trumps Zölle und seine Annexionsrhetorik lassen nun jedoch alte Konfliktmuster wieder aufleben - einer der Gründe, warum Mark Carney für seine klare "Dollar für Dollar”-Haltung gegenüber Trump breite Unterstützung in der Bevölkerung genießt. Nationale Souveränität ist vielen Kanadierinnen und Kanadiern wichtig. Die Krise könnte also den inneren Zusammenhalt stärken, meint US-Experte Volker Depkat.
    Kanada unterscheidet sich von den USA außerdem durch einen starken Föderalismus und Sozialstaat, sowie seinen Multikulturalismus. In vielerlei Hinsicht ist es daher der EU näher als seinem südlichen Nachbarn.

    Wie eine europäisch-kanadische Allianz aussehen kann

    Wie weit die Tür der EU geöffnet ist, zeigte sich schon vor Carneys Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg: Er wurde begrüßt wie ein Filmstar, zahlreiche Abgeordnete machten Selfies mit ihm und schüttelten ihm die Hand, danach gab es stehende Ovationen.
    In seiner Rede, die er auf Englisch und auf Französisch hielt, beschwor er die gemeinsamen Werte Kanadas und der EU und zitierte Goethe: “Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“ Er erwähnte Donald Trump mit keinem Wort, doch der US-Präsident war eindeutig der “weiße Elefant” im Raum.
    In der anschließenden Pressekonferenz legte Carney besonderen Wert darauf, dass es sich bei der gemeinsamen Annäherung um eine Allianz "für etwas" handele - und keinesfalls um eine Reaktion gegen etwas. Konkret wollen Kanada und die EU zukünftig in Sachen Energiesicherheit, Technologie, Rüstungsgüterproduktion und KI deutlich enger zusammenarbeiten. Bildung sei ebenfalls ein zentraler Punkt. Carney nannte dabei konkret die beiden EU-Flaggschiffe Erasmus und Horizon. 
    EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will Kanada zum ersten assoziierten Mitglied der EU machen. Basis dafür seien die gemeinsamen Werte, die Ursula von der Leyen am Vortag von Carneys Auftritt in ihrer Rede zur Lage der Europäischen Union beschrieb: "Wir sehen die Welt mit denselben Augen, von KI bis Klimawandel, von der Arktis bis zur Geopolitik, und wir sind gemeinsam für die Ukraine, für Verteidigung, für Rohstoffe und Lieferketten eingetreten." Die EU und Kanada glaubten gemeinsam an die Demokratie und nicht daran, dass die Macht den Stärksten, Reichsten oder Lautesten gehöre. 

    Gemeinsamer Gipfel im Oktober 

    Mark Carney betonte, dass es bei der engeren Zusammenarbeit nicht nur um Wirtschaft und Verträge gehe, sondern die gemeinsame Verbindung viel tiefer reiche. Die große Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier wünschten sich ldeutlich engere Verbindungen mit Europa. Bis zum EU-Kanada-Gipfel in Montreal im Oktober soll eine konkrete Struktur der Allianz vorbereitet werden sowie Abstimmungen im kanadischen Parlament dazu stattfinden.  
    Wirtschaftsexperten wie Volker Treier, Außenwirtschaftschef der DIHK, begrüßen den Vorstoß. Mit Kanada habe die EU durch das Handelsabkommen CETA bereits eine Grundlage, um die Wirtschaftsbeziehungen weiter zu verbessern: "Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des Abkommens 2017 ist der Warenhandel zwischen der EU und Kanada um 76 Prozent gewachsen - dennoch ist das Potenzial längst nicht ausgeschöpft", sagte Treier gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. 
    Ein Risiko bleibt für beide Seiten: eine Verschlechterung der Handelsbeziehungen zu den USA. Daher gibt es im EU-Parlament auch Skeptiker, vor allem im konservativen und rechten Lager. Trump drohte der EU derweil mit "sehr hohen Zöllen", sollte diese ihre Beziehungen mit Kanada tatsächlich ausbauen und er dies als "feindseligen Akt" betrachten.

    Onlinetext: Philipp Jedicke / Quellen: Deutschlandfunk, dpa, Reuters, CNN