Sonntag, 05. Dezember 2021

Archiv

Kathöfer: Bund muss sich stärker engagieren

Zur Finanzierung der deutschen Hochschulen soll der Bund in die Pflicht genommen werden. Thomas Kathöfer, Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz, ist überzeugt, dass 3000 Bundesprofessoren auch ohne Änderung des Grundgesetzes möglich seien.

Thomas Kathöfer im Gespräch mit Kate Maleike | 15.05.2013

Kate Maleike: Die Konferenz der Hochschuldirektoren will den Bund für die Finanzierung der deutschen Universitäten und Hochschulen mehr in die Pflicht nehmen. Denkbar wären ihrer Ansicht nach zum Beispiel 3000 vom Bund bezahlte Professuren, und dieser Vorschlag kommt mit Nachdruck von der Mitgliederversammlung der Hochschulrektoren, die gestern Nachmittag in Nürnberg zu Ende gegangen ist, und von der man auch hört, dass es wohl ziemlich stürmisch zugegangen sein soll. Vor allem gibt es wohl Missstimmung unter den Rektoren, was die Rangordnung betrifft, dem derzeitigen HRK-Chef Horst Hippler wird vorgeworfen, forschungsstarke Universitäten in den Vordergrund zu spielen – sogar von Kannibalisierung war da im Vorfeld die Rede. Eine Kandidatin für das Amt des HRK-Vizepräsidenten wurde übrigens auch nicht gewählt. Doktor Thomas Kathöfer ist der Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz. Guten Tag, Herr Kathöfer!

Thomas Kathöfer: Ja, schönen guten Tag, Frau Maleike!

Maleike: Fangen wir doch mit letzterem Punkt mal an: Wie zerstritten ist die HRK?

Kathöfer: Also die HRK führt immer lebendige Diskussionen, das zeigt der Rückblick in die jüngste Vergangenheit, insbesondere in die Vergangenheit seit dem Fall der Mauer. Denn mit dem Fall der Mauer ist zwischen den Hochschulen auf Länder- und auf Bundesebene ein wahrhaft lebendiger Wettbewerb entfaltet worden, von der Politik gestützt und auch gefördert und gefordert. Und dieser Wettbewerb hat selbstverständlich Auswirkungen – Auswirkungen in vielerlei Hinsicht. Nicht nur, dass Hochschulen also im Kampf um Reputation und Mittel sich versuchen gegenseitig zu überbieten, sondern auch im Hinblick darauf, dass sich Interessensverbünde bilden. Und diese Interessensverbünde versuchen natürlich, in der Politik besonders sichtbar zu werden.

Maleike: Nun hat aber der Rektor der Uni Duisburg-Essen gerade erst einen offenen Brief formuliert, Ulrich Radtke, und er spricht von einer Kannibalisierung der Hochschulen. Er sagte: In unseren Reihen haben sich neuerdings Verbünde und Lager gebildet. Das haben Sie ja auch gerade bestätigt, aber die Hochschulen geraten im Gerangel um Gelder, Drittmittel und Sponsoren zusehends in Konfrontation. Ist das ein gutes Klima?

Kathöfer: Nein, das ist natürlich kein gutes Klima, und ich bin optimistisch, dass es gelingen wird, diese – wie Herr Radtke es ausgedrückt hat, sicherlich überspitzt – Kannibalisierung nicht mehr so auszutragen. Denn was Herr Radtke ausdrückt, ist ja eine Sorge, die Sorge, dass die Hochschulen drohen, immer weiter unterfinanziert zu werden. In der Politik ist es bislang völlig unbestritten, dass die Hochschulen strukturell unterfinanziert sind, wie man das so sagt. Strukturell unterfinanziert bedeutet, dass sie ihren Aufgaben in Lehre, Forschung, Weiterbildung, Gleichstellung, Internationalisierung und so weiter gar nicht mehr in vollem Umfang nachkommen können, denn dazu fehlen ihnen die Ressourcen. Deswegen gibt es in der Hochschulrektorenkonferenz ja schon seit Langem die Forderung, dass der Bund angesichts von Schuldenbremse, von dem Auslaufen der Pakte und so weiter stärker im Hochschulbereich sich engagieren sollte. Deshalb fordern wir eine Änderung des 91b, Grundgesetz – sicherlich nicht in der Erwartung, dass damit alle finanziellen Sorgen der Hochschulen gelöst sein werden, aber sicherlich in der Erwartung, dass der Bund den Ländern stärker unter die Arme greift.

Maleike: Das ist das Kooperationsverbot, was dem Bund bislang noch verbietet, sich in Hochschulfragen wie auch in Schulfragen finanziell zum Beispiel auch einzubringen.

Kathöfer: Ja, genau!

Maleike: Sie haben jetzt vorgeschlagen, dass der Bund 3000 Bundesprofessoren finanzieren und bereitstellen soll. Das geht natürlich auch noch nicht zurzeit, ist also reines Wunschdenken.

Kathöfer: Na ja, sicherlich wäre so was vorstellbar, auch ohne Änderung des Grundgesetzes, denn gezielte Programme in der Vergangenheit sind genau so durchgeführt worden. Ich erinnere nur an das Professorinnenprogramm, was mit Zustimmung der Länder durchgeführt werden konnte. Aber die Bundesprofessoren sind auch nur eine von mehreren Maßnahmen, die wir fordern.

Maleike: Welche sind weitere?

Kathöfer: Weitere sind die Anhebung der Overhead-Programmpauschale, das bedeutet, dass für Forschungsprojekte nicht nur ein 20-prozentiger, sondern in Zukunft ein höherer Overhead-Satz gezahlt werden sollte. Damit sollen die Hochschulen in die Lage versetzt werden, ihre Forschungsaktivitäten stärker ausfinanziert zu bekommen. Was wir uns letztlich vorstellen, ist natürlich, dass es eine Vollkostenfinanzierung der Forschung geben soll. Ein weiterer Punkt ist die Auflösung des Sanierungsstaus. Das ist ja aus vielerlei Berichten bekannt, dass in den Hochschulen die Infrastruktur, das heißt, also die räumliche und die IT-Infrastruktur, zu richtig notleidend wird. Auch da stellen wir uns vor, dass der Bund durch gezielte Maßnahmen die Länder unterstützt.

Maleike: Der Hochschulbau spielt da ja auch mit, das beobachten Sie ja auch mit Sorge. Es ist zu lesen, dass 35 Milliarden Euro notwendig wären, um entsprechende Maßnahmen auch durchzuführen. Das ist alles, sehr, sehr viel Geld – was macht Ihnen denn Mut, dass Sie dieses Geld tatsächlich auch bekommen? Denn andere Ressorts wollen auch mehr Geld.

Kathöfer: Das ist richtig. Selbstverständlich steht die Bildung im Wettbewerb mit anderen Politikfeldern. Nur, wenn wir unsere Wünsche nicht deutlich formulieren, dann werden sie natürlich auch nicht gehört werden und können nicht berücksichtigt werden. Insofern machen wir erst mal deutlich, was wir benötigen aus unserer Sicht, inwiefern sich das nachher realisieren lässt, ist noch eine zweite Frage.

Maleike: Doktor Thomas Kathöfer war das, der Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz. Ja, und fordern darf man ja mal, schließlich ist bald Bundestagswahl.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.