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Kein Geld für das Nötigste

Der Staatsbankrott ist abgewendet, dennoch bleibt die Lage schwierig: Viele isländische Unternehmen sind pleite, die Arbeitslosigkeit steigt weiter an. Eine der Folgen: So manche Eltern wissen nicht mehr, wie sie die Schulbücher ihrer Kinder bezahlen sollen.

Von Philipp Boerger | 22.09.2009
    Vor rund einem Jahr stand Island kurz vor dem Staatsbankrott. Drei Banken wurden verstaatlicht. Auch heute ist die Lage noch schwierig:viele isländische Unternehmen sind pleite, die Arbeitslosigkeit steigt an. Viele Isländer wissen mittlerweile nicht mehr, wie sie Lebenstmittel oder die Schulbücher ihrer Kinder bezahlen sollen.

    Ein Lagerhaus am Rand von Reykjavik. Vor dem Eingang eine lange Schlange wartender Menschen. Fjölskyduhjálp steht auf dem Schild über der Tür, das bedeutet Familienhilfe.
    Hier werden Lebensmittel und andere wichtige Dinge billig abgegeben.
    136, 137, ruft eine der Mitarbeiterinnen der Familienhilfe. Die nächsten Wartenden dürfen rein.
    Die Isländerin Birka, zweifache Mutter und seit einem Dreivierteljahr arbeitslos, kommt öfter zur Familienhilfe.
    "Mir ist das unangenehm, hier in der Warteschlange zu stehen und um Essen zu betteln. Ich fühle mich miserabel. Hier gibt's auch Schulsachen für die Kinder. Ich kann mir diese Sachen nicht mehr leisten."

    Szenenwechsel. Ein Arbeitsamt in Reykjavik. Jahrzehntelang herrschte quasi Vollbeschäftigung, jetzt liegt die Arbeitslosenquote bei 12 Prozent.
    Vilhjálmur hatte bis vor einem halben Jahr als Bild-und Tontechniker bei einer Fernsehproduktionsfirma gearbeitet, dann wurde er entlassen. Im Sommer hat er als Eisverkäufer gejobbt, inzwischen ist er wieder arbeitslos. Vilhjálmur würde gern wieder in seinen alten Beruf zurück, doch das ist im Moment ziemlich aussichtslos.
    ""Alles ist runtergefahren worden, Fernsehshows, Spielfilme, alle Stationen halten sich zurück und sparen. Es gibt nicht viel zu tun, niemand hat Geld übrig, es gibt keine Budgets, die Arbeitslosigkeit in meiner Branche ist hoch.”"
    Vilhjálmurs Schicksal ist stellvertretend für viele Isländer. Er ist arbeitslos geworden, und: Er kann außerdem seine Kreditschulden nicht mehr bezahlen. Vor fünf Jahren hatte er sich eine Wohnung gekauft. Finanziert über einen Ratenkredit. Mit variablem Zinssatz. Dieser Zinssatz ist inzwischen mehr als doppelt so hoch. Der Wert der Wohnung ist dagegen gesunken.
    ""Ich habe ein Apartment. Ich schulde der Bank wirklich viel Geld. Ich werde wohl nicht in der Lage sein, das abzubezahlen, bevor ich sterbe. Ich hoffe, dass die Bank mir einen Aufschub gibt. Sodass ich damit klarkomme. Falls sie das ablehnen, werde ich pleitegehen.”"
    Um Geld zu verdienen, verlassen viele Isländer ihre Heimat. Auch Vilhjálmur denkt darüber nach. Norwegen, Dänemark, Kanada, sogar Rumänien könnte er sich vorstellen. Im Grunde ist es fast egal, wo man einen neuen Job findet. Jede andere Währung ist mehr wert als die schwache isländische Krone.

    ""I love Iceland. I don't want to go. I love my country. But if might something better somewhere else then I might consider it, yes.”"

    Für die Bevölkerungsstruktur Demografie der Insel mit ihren nur 320.000 Einwohnern ist Massenemigration nicht ungefährlich, erzählt Gistli, der das Gespräch mit angehört hat.
    ""Es sieht nicht so aus, als würde in den nächsten Jahren alles wieder gut werden. Immer mehr Leute werden versuchen, auszuwandern. Die Färöer-Inseln, unser Nachbar, hatten dieses Problem 1995. 15 Prozent der Bevölkerung sind damals weggezogen, hauptsächlich junge, gut ausgebildete Leute. Die Färöer-Inseln haben sich davon bis heute nicht erholt.” "
    Es ist nicht gerecht, dass die jungen Leute wie Wanderarbeiter im Ausland auf die Suche gehen müssen, findet Vilhjálmur. Eigentlich müssten die für das wirtschaftliche Desaster verantwortlichen Business-Wikinger, die Banker, Zocker und politischen Strippenzieher das Land verlassen.

    ""Diese Männer sind...ja, ich würde sagen, Soziopathen. Es ist unfassbar, dass sie einfach so weitermachen können. Sie schämen sich für nichts. Sie sind Banditen. Ich möchte nicht, dass sie noch in Island leben dürfen. Ernsthaft, am liebsten würde ich ihnen die Staatsbürgerschaft wegnehmen. Das sind keine Isländer!” "

    Viele Bürger können es nicht verstehen, dass die Regierung sich verpflichtet hat, die ausländischen Kunden der pleite gegangenen isländischen Banken vollständig zu entschädigen. Auf Kosten der eigenen Nation. Doch die beiden größten Gläubigerländer Großbritannien und die Niederlande haben die Vulkaninsel in die Zange genommen und klar gemacht: Sollte Island das Geld nicht zurückzahlen, würden sie einen EU-Beitritt des Landes blockieren.
    Dass solche Drohgebärden die EU in der ohnehin europaskeptisch eingestellten Bevölkerung nicht populärer machen, liegt auf der Hand.