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Keine Erfolgsgeschichte

Die Eröffnung des neuen Nokia-Werks bei Klausenburg vor einem Jahr hatte hohe Wellen geschlagen: Angelockt durch niedrige Löhne wollte der finnische Handyhersteller in Rumänien Billighandys im großen Stil produzieren. Dafür wurde das Werk in Bochum geschlossen. Bis zum Herbst schien die Rechnung aufzugehen. Doch inzwischen hat die Finanzkrise auch Rumänien erreicht.

Andrea Mühlberger, ARD-Studio Südosteuropa, berichtet | 15.01.2009

Die Eröffnung des neuen Nokia-Werks bei Klausenburg vor einem Jahr hatte hohe Wellen geschlagen: Angelockt durch niedrige Löhne wollte der finnische Handyhersteller in Rumänien Billighandys im großen Stil produzieren, dafür wurde das Werk in Bochum geschlossen. Bis zum Herbst schien die Rechnung aufzugehen. Doch inzwischen hat die Finanzkrise auch Rumänien erreicht. Die Handy-Industrie rechnet im Krisenjahr 2009 mit Einbrüchen. Der Industriepark "Nokia-Village" dümpelt vor sich hin, neue Zulieferer lassen auf sich warten, und bei Nokia Klausenburg gibt es statt Neueinstellungen immer mehr Kündigungen.

Am Anfang war die Euphorie groß in Jucu, jenem gottverlassenen Bauern-Dorf unweit von Klausenburg. Sozusagen über Nacht hatte sich dort der angesagte Handy-Hersteller Nokia auf einem 200 Hektar großen Gemüseacker angesiedelt, um Handys am laufenden Band zu produzieren. Dank niedriger Lohnkosten jedes um ein paar Euro billiger als in Bochum. Ein ganzes Industrie-Dorf mit Zulieferfirmen und einem Sportpark sollte entstehen: Nokia-Village, mit bis zu 20.000 neuen Arbeitsplätzen und einem Jahresgewinn von 100 Millionen Euro. Die Einwohner von Jucu waren begeistert:

"Natürlich ist das ein Vorteil für uns. Wir müssen nicht mehr so weit zum Arbeitsplatz pendeln", "

meint eine Verkäuferin. Die Frau hat zwar keine Ahnung, wie gut Nokia bezahlt, wie hart man sich dort seinen Lohn verdienen muss. Aber im großen Ganzen sei das doch eine feine Sache - vermutet sie. Viel drang in den ersten Monaten nicht nach außen über den neuen Superarbeitgeber. Die Konzernleitung mauerte. Durch die Schließung des Nokia-Werks in Bochum war das Unternehmen ins Zentrum der deutschen Arbeitsmarkt-Debatte gerückt. Von allen Seiten hagelte es Kritik wegen der - wie es hieß- hemmungslosen Profitgier. Nokia habe sich vom Billiglohnland Rumänien ködern lassen.

" "Dabei kann man die beiden Werke gar nicht miteinander vergleichen", "

erklärt John Gerry, Firmenchef von Nokia in Jucu. In Bochum habe man Handys in ganz unterschiedlicher Qualität für den westeuropäischen Markt produziert. In Klausenburg gehe es vor allem um die Versorgung von Osteuropa mit Billighandys. Die zeitliche Nähe von Öffnung und Schließung der beiden Werke sei ein unglücklicher Zufall gewesen - meint Gerry. Sonst gebe es keinen Zusammenhang.

Der junge Texaner dürfte froh sein, dass sich die Aufregung um seinen Betrieb wieder gelegt hat. Inzwischen plagen ihn andere Sorgen: Obwohl das Unternehmen Nokia gut anlief - Gewerkschafter lobten anfangs ausdrücklich das angenehme Arbeitsklima und die, für rumänische Verhältnisse, gute Bezahlung - ist das "Wunder von Klausenburg" bisher ausgeblieben. Bis zum Herbst schrieb man schwarze Zahlen. Doch die globale Finanzkrise hat auch die boomende Region rund um Klausenburg erreicht, die sich in den letzten Jahren zum Silicon Valley Rumäniens gemausert hatte. Die neuesten Nachrichten aus Nokia-Village klingen jedenfalls nicht nach einem Wirtschaftsmärchen:

" "Auch Nokia wird nicht von den Folgen verschont bleiben, die der wirtschaftliche Rückgang weltweit mit sich bringt", "

erwartet der rumänische Wirtschafts-Journalist Radu Soviani. Das könne man daran erkennen, dass Nokia Ende des Jahres eine Reihe von Zeitverträgen nicht verlängert habe und es keine Neueinstellungen mehr gab.

Stattdessen hat Nokia 600 Arbeiter entlassen - berichten Gewerkschaften. Von den geplanten dreieinhalb-tausend Angestellten arbeitet bisher nur die Hälfte. Außerdem liegt Nokia nach nur einem Jahr im Clinch mit den regionalen Arbeitnehmer-Vertretern, weil seit Herbst in 12-Stunden-Schichten gearbeitet wird. Wer die neuen Bedingungen nicht akzeptieren wollte, dessen Vertrag wurde nicht verlängert. Auch sonst hat sich vor allem Ernüchterung breit gemacht auf der grünen Wiese: Der als Zukunftsprojekt hoch gelobte Industrie-Park dümpelt vor sich hin. Eine Druckerei für Handy-Gebrauchsanweisungen, ein Kartonhersteller für Verpackungen. Mehr Zuliefer-Firmen konnten die Finnen bisher nicht in ihr neues "Nokia-Village" locken. Es sind also noch viele Grundstücke frei. Nokia selbst wird seine Zelte in Jucu aber nicht so bald wieder abbrechen und die Krise aussitzen - schätzt der Wirtschaftsexperte Radu Soviani:

" "Auch wenn in der Handy-Branche die Nachfrage in diesem Jahr um 6 Prozent zurückgeht, wird Nokia in Jucu gut überleben, weil gerade die hier hergestellten Billig-Handys dann besonders gefragt sein werden."

Eine Erfolgsgeschichte liest sich trotzdem anders.