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Keine Fans in Aracataca

Zum 85. Geburtstag von Gabriel Garcia Marquez sind die Einwohner seines Heimatdorfes nicht gut auf den Schriftsteller zu sprechen. Denn dieser ließ sich in den vergangenen 30 Jahre nur zwei Mal hier blicken.

Von Tobias Käufer | 06.03.2012
    Garcia Marquez: "Ich kann sagen, dass nahezu mein gesamtes Werk von den ersten Jahren meiner Kindheit beeinflusst wurde. Ich erinnere mich an diese Epoche nicht als ein glücklicher Junge, auch nicht als einer, der ein eigenes Leben oder eine eigene Welt hatte, in der er lebte. Diese Erfahrung hat mein gesamtes Werk gespeist."

    In Aracataca lebt Garcia Marquez schon lange nicht mehr. Mittlerweile hat er in Mexiko-Stadt ein neues Zuhause gefunden. Trotzdem scheint in Aracataca noch alles so, wie es der Kolumbianer in Lateinamerikas wohl wichtigstem Literaturwerk des vergangenen Jahrhunderts, beschrieben hat.

    Auch das gibt es heute noch in Aracataca: Die Männer des Dorfes haben sich in einer Halle versammelt, um bei einem illegalen Hahnenkampf ein paar Pesos zu gewinnen.
    Vom Ruhm des Romans ist nicht viel in Aracataca hängen geblieben. Es gibt Arbeitslosigkeit, rechte paramilitärische Banden treiben in der Nähe ihr tödliches Geschäft.

    Am Ortseingang begrüßt eine mit einem bunten Porträt des Künstlers bemalte Mauer die Besucher. Sie weist auf eine Schule hin, die den Namen Garcia Marquez trägt, obwohl der Dichter die Schulräume niemals betreten hat. Sie ist jüngst bei der kolumbianischen Variante der Pisa-Studie durchgefallen. Auch den berühmten Platz: "Camellón des 20. Juli" gibt es noch, doch hier finden keine kulturellen Veranstaltungen statt. Fussballspielende Jungs strafen ihn mit kultureller Missachtung.

    Die Menschen in Aracataca haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem berühmten ehemaligen Mitbewohner. Es gibt solche, die stolz sind, wie der Kulturdirektor von Aracataca, Rafael Daria Jimenez, der das Geburtshaus des Literaten zeigt:

    "Dieses Haus ist sehr wichtig, weil hier der großartigste Mann der kolumbianischen Literatur der jüngsten Vergangenheit geboren ist: Gabriel Garcia Marquez."

    Aber es gibt auch die schweigende Mehrheit. Viele Einwohner von Aracataca hatten sich mehr erhofft vom Bekanntheitsgrad, den der Roman mit sich brachte. Garcia Marquez ließ sich in den vergangenen 30 Jahren nur zwei Mal in Aracataca blicken. Das nehmen ihm die Bewohner übel. Vor fünf Jahren wollte der Bürgermeister die Stadt in Macondo umbenennen, um somit mehr Touristen anzulocken. Doch die enttäuschten Einwohner gingen nicht einmal an die Urne, das Referendum scheiterte an einer viel zu geringen Wahlbeteiligung.

    Geblieben ist den Menschen die Hoffnung, dass sich vielleicht doch etwas ändert an der tristen Situation in ihrem weltbekannten Ort. Jüngste Initiativen wie die Renovierung des Geburtshauses oder die Eröffnung eines Literaturpfades in der benachbarten Touristenmetropole Cartagena sollen Geld ist das fast vergessene Örtchen spülen. Ganz langsam scheint auch die kolumbianische Tourismusindustrie den Wert Macondos erkannt zu haben. Die Akkordeonspieler von Aracataca haben dies schon lange. Sie haben in einem Lied mit dem Titel von "Von Aracataca nach Macondo" dem Ort ein musikalisches Denkmal gesetzt.