Montag, 26. September 2022

Archiv

Kirchliche Autorität
Machtwort, ade?

Die Kirchen waren einmal moralische Autoritäten für die ganze Gesellschaft. Einflussreich sind sie bis heute: als Moralagentur und Seelsorge-Dienstleister. Eine Tagung in Jena untersuchte das Wesen der Herrschaft mit und ohne Gott.

Von Henry Bernhard | 22.11.2017

    Die marmorne Hand der kolossalen Statue Kaiser Konstantins in Rom mit erhobenem Zeigefinger
    Der erhobene Zeigefinger der kolossalen Statue von Kaiser Konstantin in Rom (imago stock&people)
    Erfurt am 26. April 2002. Nach dem Amoklauf platzt die Andreaskirche aus allen Nähten.
    "Klar, man spendet sich schon Trost. Es wäre ja auch wirklich so toll, gäbe es einen Himmel! Ne, das wäre doch schön! Weil du einfach Trost brauchst! Und wo findet man denn den? Bei den Lebenden ja nicht!"
    So erinnert sich Anke Roschke, Lehrerin am Gutenberggymnasium. Schüler, Lehrer, Angehörige versammelten sich damals wie selbstverständlich in der Kirche. Obwohl die wenigsten von ihnen Christen waren, suchten sie – ja was eigentlich? Der Religionsphilosoph Klaus-Michael Kodalle sieht Kirchen heute in der Rolle von Seelsorge-Dienstleistern.
    "Also, für solche Krisensituationen ist diese Gesellschaft offenbar darauf eingerichtet, dass die einzigen Agenturen, die einzigen Handlungssubjekte, die nach einer solchen Tat zur Bewältigung beitragen können, zur Bewältigung des Desasters, der Krise, des Elends, der Schmerzen, die Kirchen sind. Und das alles nach dem Paradigmenwechsel "klare Trennung von Kirche und Staat."
    Die Frage bleibt, ob die Kirchen hier als eine Art Trauer-Servicekräfte auftreten oder ob ihnen darüber hinaus eine weitere Autorität in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft zukommt. Kodalle führte auf der Jenaer Tagung aus, dass Religionen ihre Autorität zwar aus ihrem Bezug zu einer transzendenten Größe, eben Gott, beziehen, dass sie aber dennoch in der Lage sind, über ihre eigenen Gläubigen hinaus politischen, gesellschaftlichen Einfluss auszuüben – als Moralagentur.
    Kodalle sagt: "Der scheint aber nichts daran zu ändern, dass es im öffentlichen Raum eine Anerkennung und Respektierung der Kirchen gibt, die sich zu öffentlichen Fragen des Gemeinwohls äußern. Und zwar eben äußern nicht für ihre Klientel, für ihre Kirchenmitglieder, sondern als Appell an den Gesetzgeber, an die Öffentlichkeit, sich gefälligst bestimmten ethischen Normen gemäß zu verhalten."
    Die Laissez-Faire-Gesellschaft leistet sich moralische Stimmen
    Den Grund für diesen Einfluss sieht Kodalle in vorpolitischen Einstellungen innerhalb unseres westlichen Wertesystems, die nicht in Gesetzen kodifiziert sind.
    "Und da könnte es natürlich sein, dass sich diese Gesellschaft recht gut beschreiben lässt als eine, in der jeder versucht, seinen Besitzstand zu wahren zu mehren, und dass eine Gefühl da ist bei allen, bei vielen: Es gibt da ein Defizit! Ich müsste doch eigentlich mehr tun als ich tue, zurückgelehnt in den Sessel. Das heißt, die Laissez-Faire-Gesellschaft hält sich gern Agenturen, die die moralische Stimme repräsentieren."
    Christoph Kähler, ehemaliger Thüringer Landesbischof, sieht mit speziell ostdeutschem Blick weder die öffentliche noch die private Moral gefährdet, wenn der individuelle Bezug zur Transzendenz fehlt.
    Er sagt: "Ich weiß, dass Mitbürger gerade im Osten Deutschlands sich anständig benehmen und nicht unmoralisch sind, obwohl sie nicht in der Kirche sind. Was mich da, offen gestanden, interessiert, ist die Frage: Wie werden Traditionen weitergegeben; wie werden Verhaltensweisen weitergegeben; wie wird auch Anstand weitergegeben?"
    Hier, in der Tradierung der persönlichen Ethik, sieht Kähler die Problematik, vielleicht nicht in Schönwetterzeiten, aber doch dann, wenn es ernst und ungemütlich wird. Dann könnte die Autorität einer Institution wieder mehr gefragt sein.
    "Ich weiß sehr wohl, dass auch bei Christen der Anstand nicht immer gebongt ist und wir in kritischen Situationen auch sehr verschiedenen Verhaltensweisen erlebt haben. Ich selber weiß aber, dass ich in schwierigen Zeiten, wo also der Sozialismus zu siegen schien, für mich kirchliche Traditionen, biblische Texte orientierend gewirkt haben, mich besser auf Menschen einstellen zu können, die eben nicht nur gut sind, sondern die auch ganz schlimme Seiten haben, und die beides vereinen können. Wie geht man damit um? Dafür hatte ich keine Maßgaben im Marxismus/ Leninismus, den wir alle studieren mussten."
    Kähler sieht auch neue Autoritäten entstehen, jenseits der Kirchen, die eine Ethik generieren können und mit einer Autorität ausgestattet sind, die über die vom Staat verliehene hinausgeht. Beispiel: Der Deutsche Ethikrat, in dem er Mitglied war.
    "In Zeiten wie jetzt, wo alles wackelt"
    "Ich habe das als eine kostbare Gelegenheit erlebt, in der ganz verschiedene Ansätze miteinander ins Gespräch kamen und man nicht einen wissenschaftlichen Aufsatz geschrieben hat, in dem alle anderen Kollegen eigentlich dumm sind, und die einzige Position ist die richtige. Sondern völlig verschiedene Parteien mussten miteinander diskutieren, Argumente austauschen. Und dann konnte man gucken: Was machen wir mit Intersexuellen? Da waren wir nämlich alle blank! Da hatte keiner schon das richtige Rezept. Und da haben wir durchaus auch gelernt, dass es nicht nur Vorurteile religiöser Art geben kann – die gab es an der Stelle eher nicht –, sondern es gab Voreinstellungen von Medizinern, von Ärzten, die in einer Weise über Menschen – vor 50 Jahren – entschieden haben, wo uns heute alle das kalte Grausen ankommt."
    Das Schwinden der Autorität der Kirchen macht Kähler weniger Sorgen als das Schwinden der Institutionen überhaupt.
    "Ich erwarte nicht, dass alle Leute Christen werden. Aber was ich gerne für meine Kirche in Anspruch nehme und auch mache, ist, zu sagen: Wenn du jetzt folgende Überzeugung hast – wie begründest du das? Was trägt deine Überzeugung so, dass du sagst, "Das ist mir auch was wert, das ist mir heilig!"? Und da erlebe ich im Moment einerseits einen Bedarf, dass wir in Zeiten wie jetzt, wo alles wackelt, gern irgendwo festen Boden unter den Füßen haben wollen. Und meine Befürchtung ist, dass, wenn die Lager sich so verdünnen – und das nicht nur bei den Kirchen –, wenn die Institutionen, die sie vorher gehalten haben, Gewerkschaften, Parteien, auch alle kleiner werden, dass dann Massenphänomene entstehen, in denen Leute ganz schnell umkippen und ganz schnell ganz andere Dinge sagen."