Dienstag, 04. Oktober 2022

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Klaviermusik von Claude Debussy
Durchsichtig und perlend

2018 jährt sich der Todestag des französischen Komponisten Claude Debussy zum 100. Mal. Mehrere Pianisten bringen darum neue CDs mit seiner Klaviermusik heraus. Die größten Herausforderungen beim Einspielen waren: exaktes Pedalspiel und Klarheit.

Christoph Vratz im Gespräch mit Susann El Kassar | 07.03.2018

    Michael Korstick, HUK-Foyer Coburg, spielt a, Klavier.
    Michael Korstick hat in diesem Jahr seine Gesamtaufnahme der Klaviermusik von Debussy abgeschlossen. (Jochen Berger)
    Gleich zwei Altmeister haben CDs mit Klaviermusik von Debussy veröffentlicht: Daniel Barenboim und Maurizio Pollini. Barenboims CD sei in gewisser Weise eine Mogelpackung, stellt Christoph Vratz fest, da sie aus alten (von 1998) und neuen Aufnahmen besteht, und er kritisiert außerdem das etwas nachlässige Spiel des Pianisten. Trotzdem zeige Barenboim sich hier als Meister des Anschlags.
    Daniel Barenboim
    Préludes I, Estampes, Clair de lune, La plus que lente, Élégie
    Deutsche Grammophon
    028947987413
    Auch Pollinis zweiter Band der Préludes überzeugt Christoph Vratz nicht. "En blanc et noir", im Duett aufgenommen mit seinem Sohn, Daniele Pollini, bietet zwar einen gewissen Reiz, doch Debussys Klarheit, die Clarté bleibt auf der Strecke.
    Maurizio Pollini
    Daniele Pollini
    Préludes II, En blanc et noir
    Deutsche Grammophon
    028947984900
    Auch eine historische Aufnahme wurde remastered wiederveröffentlicht. Die Préludes, ein Klassiker von Debussy, gespielt von Friedrich Gulda. Das Besondere an der Aufnahme ist die Klangästhetik, die entsteht, indem die Mikrofone extrem nahe an den Saiten des Flügels angebracht wurden. Das schafft eine unmittelbare Atmosphäre, findet Christoph Vratz, und lenkt den Fokus auf das Wesentliche: das Klavierspiel. Bei Guldas Interpretation beispielsweise von "Feux d'artifice" kommt im Vergleich zu Pollinis Version die Klarheit und das Kühle, die Debussy auch ausmacht, präzise zum Vorschein, sagt der Musikkritiker.
    Friedrich Gulda
    Préludes
    mps-music
    885470009735
    Für Christoph Vratz nachgerade eine Überraschung ist die CD des Briten Stephen Hough. Sein Pedalspiel überzeugt und macht ihn zum Repräsentanten der Frage: Wie geht man mit Debussy um? Hough bewegt sich hier auf einem schmalen Grat, ihm gelingt es aber, weder zur einen noch zur anderen Seite zu kippen. Im direkten Vergleich mit Barenboim bringt Hough in "Jardins sous la pluie" aus "Estampes" die gebotene Clarté zum Ausdruck.
    Stephen Hough
    Estampes, Images, Children’s Corner, L’isle joyeuse, La plus que lente
    Hyperion CD
    034571281391
    Zum 100. Todestag hat der Pianist Michael Korstick seine Gesamtaufnahme der Klavierwerke von Debussy abgeschlossen. Insgesamt fünf CDs sind seit 2012 erschienen. Dem technischen Anspruch der Werke wird Korstick absolut gerecht, stellt Christoph Vratz fest. Er beherrscht das Pedal, vermittelt die Klarheit der Musik und schafft es, die teilweise vorherrschende Gegensätzlichkeit in Debussys Kompositionen präzise und auf hohem Niveau zu spielen.
    Michael Korstick
    Etudes u.a.
    swr music
    749313904488
    In den nächsten Monaten werden im Zuge des Debussy-Jahres noch einige Beiträge veröffentlicht werden. Besonders gespannt ist Christoph Vratz dabei auf Menahem Pressler, der ein französisches Album mit Schwerpunkt auf Debussy herausbringen wird. Doch auch Alexander Melnikov könnte Interessantes bieten: Er interpretiert Debussys Préludes II auf einem Erard, einem historischen Flügel.