Sonntag, 26. Juni 2022

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Kleine Auszeit-Helfer

Soziale Netzwerke können zur Zeitfalle werden und von Dingen ablenken, die man gerade tun wollte - eigentlich. Kleine Programme wie "Freedom" oder bald auch "Offtime" wollen das Fernbleiben aus dem Internet einfacher machen. Ein Selbstversuch.

Von Christian Schiffer | 06.08.2013

Anfang August. Der Ventilator surrt, draußen herrscht eine Bullenhitze, drinnen ist es nur wenig kühler. Ich sitze spärlich und zudem ästhetisch höchst fragwürdig gekleidet an meinem Rechner und arbeite an diesem Radiobeitrag. Mein Hirn fühlt sich an, als würde es langsam verdampfen, es bringt kaum einen klaren Gedanken zustande. Doch dann endlich, fängt es an zu arbeiten. Es scheint eine Idee zu produzieren. Jetzt heißt es dranbleiben, doch dann passiert das:

Facebook-Pling

das:

Whatsapp-Ton

und das:

Handy-Vibration

Das Handy surrt, weil jemand eine Redaktionsschicht tauschen möchte, der Facebook-Chat meldet sich – Freunde wollen wissen, ob ich mit in den Biergarten komme. Und per Whatsapp schickt mir eine Freundin süße Bilder ihrer Katze. Das Internet kann toll sein, doch grade jetzt muss ich sagen: Internet, Du bist mein Feind. Wenn das so weiter geht, wird dieser Beitrag hier niemals fertig. Doch solche Situationen könnten bald der Vergangenheit angehören. Ein Berliner Startup arbeitet an einer App: Offtime soll sie heißen und Menschen wie mir helfen. Matthias Fellner ist einer der Gründer der Firma:

"Was diese App macht, ist vorübergehend, also in einem bestimmten Zeitraum, den der User einstellen kann, die Anzahl der Apps, der Anrufe zu reduzieren. Der Nutzer kann selbst entscheiden, wie stark er das reduzieren möchte. Das heißt, wir bieten eine Lösung, um wieder Momente der Ruhe und Freiräume für konzentriertes Arbeiten zu haben."

Freiräume für konzentriertes Arbeiten, das klingt gut. Und das finde nicht nur ich: 17.000 Euro konnte das kleine Startup per Crowdfunding sammeln, um die App zu programmieren - und das in nur 31 Tagen. Ausprobieren kann ich die App nicht, noch ist sie im Playstore für Android-Handy nicht erhältlich, in einigen Wochen soll es aber so weit sein. Solange bleibt mit nur übrig, eine Alternative zu wählen. Schriftsteller wie Nick Hornby, Miranda July und Zadie Smith schwören auf "Freedom", so habe ich es in diversen Interviews gelesen, ohne diesen Service sind sie nicht mehr in der lange, ein Buch zu schreiben. "Freedom" sperrt das Internet. Kompromisslos und rigoros.

Ich installiere die Kostenlos-Version von Freedom, hier darf ich fünfmal mein Internet blockieren, dafür aber so lange, wie ich möchte. Wenn ich mehr Freiheit vom Netz möchte, muss ich für das Programm einmalig zehn Euro zahlen. Ich wähle eine Auszeit von einer Stunde, mehr traue ich mich noch nicht. Und tatsächlich: Ich komme nicht mehr ins Netz. Tolle Sache, mein Hirn fängt wieder an, produktiven Tätigkeiten nachzugehen, die Gedanken sprießen, Ideen entstehen und ich kann endlich ...

Doch nach zehn Minuten wird mir klar: Freedom sperrt nur das Internet, nicht aber den Mobilfunk. Ziemlich seltsam in einer Zeit, in der man ja längst nicht mehr nur mithilfe klobiger Rechner durch das Netz surft. Immer noch erreicht mich Whatsapp, immer noch erreichen mich süße Katzenbilder. Die Ablenkung, sie geht eben nicht mehr nur von Computern aus. Die Berliner mit ihrer Offtime-App wollen es anders machen:

"Daran arbeiten wir gerade, das nennt sich im Fachjargon "Cross Device". Wir fangen mit dem Smartphone an, weil das das größte Thema ist und man hier am stärksten den verschiedenen Informationsangeboten ausgesetzt ist, aber langfristig wollen wir per Knopfdruck alle Anwendungen abschalten können."

Offtime reagiert auf ein neues Bedürfnis: Ungestört bei sich sein. Die Informationsflut macht uns allen zu schaffen. Schon vor vier Jahren hat FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher darüber nachgedacht, in seinem Buch "Payback". Im vergangenen Jahr sind zudem gleich mehrerer Bücher erschienen, die den Selbstversuch geschildert haben, eine Zeit lang auf das Internet zu verzichten. Auch Gegenbewegungen zum Nonstop-Konsum von Informationen gibt es mittlerweile. Im "Slow Media Manifest" aus dem Jahr 2010. Zitat:

"Analog zu Slow Food geht es bei Slow Media nicht um schnelle Konsumierbarkeit, sondern um Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um Konzentration in der Zubereitung."

Es geht bei Slow Media also nicht darum, keine Informationen mehr aufzunehmen, genauso wenig wie es ja in der Slow-Food-Bewegung darum geht, nichts mehr zu Essen. Vielmehr soll man bewusster konsumieren. Und wenn ich mir meinen Informationskonsum bisher ansehe, dann muss ich sagen: Da ist schon eine ganze Menge Fastfood dabei. Vielleicht sollte ich also meine Informationshappen mal etwas sorgsamer auswählen. Apps wie "Offtime" könnten mir dabei helfen. Und meine Radiobeiträge würde ich dann auch schneller fertig bekommen.