Donnerstag, 19. Mai 2022

Archiv

Kleists "Penthesilea" in Salzburg
Ein Paar im Testlauf

Kriegerin und Krieger, gefangen in leidenschaftlicher Raserei. Johan Simons hat in seiner Neuinszenierung die im Wortsinn "verzehrende" Leidenschaft zwischen Penthesilea und Achill in einem ebenso modernen wie zeitlosen Zwei-Personenstück auf die Bühne gebracht.

Von Karin Fischer | 30.07.2018

Es beginnt ganz im Dunkeln. Ein Mann und eine Frau werfen sich Namen zu, wie im Spiel, "Neridensohn" - "Königin" - "Jüngling". Sofort steht das Thema der Identität im Raum - und in Frage.
Beide tragen den gleichen schwarzen langen Rock, sie dazu ein schmales Brustband, er Unterhemd, sie wirken schon wie ein Liebespaar, noch während sie sich umtänzeln und dabei die wahnwitzige Geschichte erzählen.
Dass niemand wusste, zu wem das Amazonenheer nun halten würde, das so plötzlich sich in den Kampf der Griechen gegen die Trojaner mischt. Dass man sich fragte, warum Penthesilea den Achill zu retten versuchte, als sein Streitwagen schon über dem Abgrund hing. Alles ist als Erkundung, als spielerisches Umkreisen, als – allerdings ernster - Flirt angelegt. Als ob sie diese Geschichte nur spielten. Als ob sie schon ein Paar seien und zurück blickten auf die Anfänge.
Sprache wird Körper: Love-Talk unter Kriegern
Sie folgt ihm, fordert ihn, neckt ihn, er fasst ihr auch mal grob ins Haar. Kleists Text wird dabei wie mit entkleidet, in Vasco Bönischs kluger Fassung, die der Sprache einen Körper gibt. Love-Talk aus dem 18. Jahrhundert, nur knapp verhüllte Leidenschaft. Ja, hier wird mit Worten auch Liebe gemacht.
Klarheit ist ein schönes Ergebnis dieser Inszenierung: Was in Kleists Text umständlich zerredet wird, als Botschaft überbracht oder als Erzählung Dritter interpretiert wird, gewinnt unglaubliche Präsenz. Und etwas fast Zeitgenössisches: Sandra Hüller und Jens Harzer sind ein Paar im Testlauf einer Beziehung, die ungefähr so kompliziert ist wie die unter gleichberechtigten Partnern im 21. Jahrhundert.
Sandra Hüller hat dabei die größere emotionale und stimmliche Bandbreite, sie kann verwegene Kämpferin sein und schwach; großzügige Herrscherin in Machopose und verliebt. Jens Harzer hat dennoch den schwierigeren Part, er macht sich schutzlos, zieht einmal ganz die Kleider aus, und kann doch nicht aus seiner Haut.
Spielerisches Austesten von Grenzen
Die beiden haben höchst intensive kleine Szenen, in denen das Frau- oder Mannsein und die Machtverhältnisse in dieser fragilen Beziehung jeweils neu ausgehandelt werden. Wenn er den Stiefel auszieht und sie verspielt und doch bedrohlich in seine Ferse beißt. Oder wenn sie die Herkunft der "busenlosen" Amazonen erklärt und auf seine verständnislose Nachfrage, das sei doch unnatürlich, nur leicht auf seine Brust zeigt. Womit sie charmant Emanzipation einfordert, auch von ihm. Dieser spielerische Rollenwechsel testet aber auch die Grenzen der Liebe aus. Die ohne Kampf nämlich nicht zu haben ist. Hier ganz archaisch: Denn Penthesilea darf nur lieben, wen sie im Kampf besiegt hat, so will es das Gesetz des Amazonenstaates.
Dass Penthesilea unterlegen war, ist für sie kaum denkbar. Dass Achill sie getäuscht hat, wird sie ihm nicht verzeihen. Am Ende des grausigen Dramas hat Penthesilea den Geliebten getötet und ihn, zusammen mit ihren Hunden, zerfleischt. Wir lernen: Männer verzichten im Zweifel einfacher auf ihre Prinzipien.
Kein Kommentar zu Gender- oder MeToo-Debatten
Doch die zeitgenössische Botschaft nimmt dem Stück nicht sein Geheimnis, das in der Sprache Heinrich Kleists eben doch den Abstand zur Psychologie von heute bewahrt. Und so ist Johan Simons Inszenierung kein Kommentar zur MeToo- oder Gender-Debatte. Der Streifen aus Licht, der im Bühnenboden eingelassen ist, unmerklich breiter wird und im Verlauf des Abends den Zuwachs an Erkenntnis und an gegenseitigem Erkennen symbolisiert, wird am Ende wieder schmaler. Und ganz am Schluss beginnt der Tanz kurz von vorn. Zwei Menschen haben stellvertretend für uns das ewige Schlachtfeld der Liebe durchschritten. Riesenbeifall für dieses abgründige Kammerspiel und große Schauspielkunst.