CO2-Zertifikate: Wie glaubwürdig ist der freiwillige Klimamarkt?

Unternehmen nutzen CO2-Zertifikate, um Emissionen auszugleichen. Doch bei vielen Projekten ist unklar, wie groß die Klimawirkung wirklich ist, wohin das Geld fließt und welche Folgen sie für Landrechte und Menschen vor Ort haben.

    Ein Mann kniet auf einer weitgehend kahlen Fläche und pflanzt einen jungen Baum. Auf dem Gelände stehen bereits mehrere kleine Setzlinge, im Hintergrund arbeiten weitere Menschen. Die Aufnahme entstand im Mau Forest in Kenia.
    Aufforstungsprojekt in Kenia: Solche Klimaschutzprojekte sollen CO2 binden. Entscheidend ist jedoch, wie viel davon tatsächlich zusätzlich und dauerhaft gespeichert wird (picture alliance / Sipa USA / SOPA Images)
    Eine Tonne CO2 hier ausstoßen, eine Tonne anderswo ausgleichen – das ist die Idee hinter dem Handel mit CO2-Zertifikaten. Unternehmen wie Netflix oder Volkswagen finanzieren dafür weltweit Klimaschutzprojekte, etwa zum Waldschutz, zur Aufforstung oder zur Speicherung von Kohlenstoff in Graslandschaften. Viele dieser Projekte liegen in Ländern des Globalen Südens, wo große Flächen verfügbar und Klimaschutzmaßnahmen häufig kostengünstiger sind.
    Doch oft ist schwer nachzuweisen, wie viel CO2 tatsächlich zusätzlich gespeichert wird, und wohin das Geld für die Projekte fließt. Hinzu kommen Konflikte um Landrechte und die Mitbestimmung der Menschen vor Ort.

    Inhalt

    CO2-Zertifikate und freiwillige Kompensation: So funktioniert der Markt

    Unternehmen kaufen CO2 -Zertifikate, um Emissionen auszugleichen, die sie verursacht haben. Dabei geht es um freiwillige Kompensationen, die Zertifikate sind also nicht Teil des staatlichen Emissionshandels. Für Unternehmen sind CO2-Zertifikate nicht nur für die Klimabilanz wichtig, sondern auch für die Außendarstellung, zum Beispiel, wenn sie mit Klimaneutralität werben. Seit dem 27. September 2026 ist Werbung mit Klimaneutralität in der EU allerdings verboten, wenn die Neutralität erst durch Kompensationen erreicht wurde.
    Das Geld, das Unternehmen in Zertifikate investieren, fließt dann in Klimaschutzprojekte. Die Projekte können überall auf der Welt sein und sehr unterschiedlich aussehen: In Nepal werden etwa sparsame Öfen verteilt, sodass zum Kochen weniger Holz verbrannt wird, in Südafrika ersetzen Solarpaneele Dieselgeneratoren. Andere Projekte setzen auf Aufforstung oder darauf, mehr Kohlenstoff in Graslandschaften zu speichern.
    Eine wichtige Rolle spielen Zertifizierer wie Verra. Die Non-Profit-Organisation prüft Projekte nach dem „Verified Carbon Standard“ und hat nach eigenen Angaben mehr als 4.000 Projekte in 134 Ländern sowie rund eine Milliarde Zertifikate erfasst. Ein Zertifikat entspricht jeweils einer Tonne CO2.

    Fragwürdige Klimawirkung bei vielen Kompensationsprojekten

    Entscheidend für die Qualität eines Kompensationsprojekts ist, ob dadurch tatsächlich zusätzlich CO2 eingespart oder gespeichert wird. Gerade bei Waldschutz- und Graslandprojekten fehlen dafür oft Vergleichswerte. Dann wird ein Referenzszenario modelliert. Es wird geschätzt, wie sich die Emissionen ohne das Projekt entwickelt hätten. Das Umweltbundesamt erklärt es am Beispiel eines Windparks: Man vergleicht dessen Emissionen mit dem Referenzszenario – also damit, wie viel CO2 ohne den Windpark entstanden wäre. Die Differenz gilt als Emissionseinsparung.
    Juliette de Grandpré vom New Climate Institute warnt allerdings, dass Szenarien oft so angesetzt werden, dass der Unterschied besonders groß ausfällt, und dadurch besonders viele Zertifikate entstehen. Mehrere Studien zeigten demnach, dass viele dieser Zertifikate von geringer Qualität seien und keine tatsächliche Emissionsminderung darstellten.
    Im schlimmsten Fall könne die Kompensation nach hinten losgehen. „Es kann tatsächlich zu Fällen kommen, wo die Zertifikate dem Klima schaden”, so De Grandpré. Das sei dann der Fall, wenn durch ein Projekt weniger CO2 gespeichert werde als angegeben, das Zertifikat aber trotzdem dazu diene, weiter CO2 auszustoßen und weniger für Klimaschutz zu tun.

    Undurchsichtige Geldflüsse

    Roman Herre von der Menschenrechtsorganisation FIAN sieht bei Verra nicht ausreichend Unabhängigkeit. Die private Zertifizierungsorganisation verdiene an Registrierung und Ausstellung von Kohlenstoffkrediten. Laut Herre mache das mehr als 90 Prozent ihrer Einnahmen aus. Außerdem säßen in den Beratungsgremien Akteure wie Netflix oder Meta, die selbst vom Zertifikatemarkt profitieren.
    Auch Zwischenhändler verdienen mit, erklärt Juliette de Grandpré vom New Climate Institute. Eine Studie von Carbon Market Watch habe gezeigt, dass viele von ihnen in Ländern des Globalen Nordens sitzen. Wie viel am Ende bei den Menschen vor Ort ankommt, bleibt oft unklar.
    Wie undurchsichtig die Verteilung sein kann, zeigt das Longido-Monduli-Projekt im Norden Tansanias. Dort sollen die Massai ihre Rinder nach festen Beweidungsplänen führen, damit mehr Kohlenstoff im Boden gespeichert wird. Volkswagen Climate Partner finanziert das Projekt maßgeblich, nennt aber weder Preise noch Vertragsdetails. Das Forest Peoples Programme schätzt, dass nur etwa sechs Prozent des Geldes bei den Hirten ankommt.

    Konflikte um Landrechte

    Das Longido-Monduli-Projekt zeigt auch, wie CO2-Projekte traditionelle Landnutzung verändern können. Die Massai ziehen mit ihren Herden dorthin, wo Wasser und Futter verfügbar sind. Neue Beweidungspläne und Verträge einzelner Dörfer können diese Bewegungsfreiheit einschränken. Der Massai-Anwalt Joseph Olangi kritisiert, dass die Verträge mit Dorfräten und Distriktregierungen geschlossen würden, während die Hirten, die das Land tatsächlich nutzen, nicht zugestimmt hätten.
    Ähnliche Konflikte gibt es auch anderswo: In Nordkenia sollen etwa Ranger bei einem Netflix-Projekt versucht haben, Beweidungspläne mit Gewalt durchzusetzen. Und im Amazonasgebiet können Waldschutzprojekte von E.ON und Walmart die traditionelle Waldnutzung indigener Gemeinschaften einschränken.

    Strengere Regeln für einen glaubwürdigeren CO2-Zertifikatemarkt

    Der Anthropologe Michael Bollig vermisst „positive Best-Case-Studies“ – also Projekte, die ökologisch wirksam und zugleich sozial ausgewogen seien. Hochwertige Zertifikate brauchen Transparenz, unabhängige Kontrollen und eine nachvollziehbare Berechnung der tatsächlichen, zusätzlichen Emissionseinsparung. Solche Kriterien nennt auch der Integrity Council for the Voluntary Carbon Market, ein unabhängiges Gremium für Qualitätsstandards im freiwilligen CO2-Markt.
    Auch mögliche Folgen für Biodiversität und Umwelt müssen laut Umweltbundesamt berücksichtigt werden. Ebenso wichtig seien Menschenrechte und die Beteiligung der lokalen Bevölkerung. Für indigene Gemeinschaften sieht die UN-Deklaration eine freie, vorherige und informierte Zustimmung vor. Betroffene müssen verständlich über Vor- und Nachteile sowie mögliche Risiken informiert werden, dürfen nicht unter Druck gesetzt werden und müssen auch Nein sagen können.

    Radiobeitrag: Katharina Nickoleit; Onlinetext: Elena Matera