Emissionshandel auf Kosten des Klimas?
Mehr kostenlose CO2-Zertifikate für die Industrie

Die EU-Kommission will den Emissionshandel lockern und kommt der Industrie entgegen: mehr Zeit, mehr kostenlose Zertifikate, weniger Druck. Wissenschaftler befürchten, dass die Klimaziele jetzt kaum noch erreichbar sind.

    Luftaufnahme eines großen Stahlwerks: rostrot-braune Industrieanlagen, Hochöfen und ein markanter Kühlturm, aus mehreren Schloten steigt dichter weißer Dampf auf. Im Hintergrund liegen Wälder und flaches Land unter bedecktem Himmel.
    Die Salzgitter AG hat Milliarden in den Umbau zu klimafreundlichem Stahl gesteckt – für solche Vorreiter ist ein steigender CO2-Preis die Geschäftsgrundlage, ausgerechnet den bremst die EU-Reform. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
    Über den europäischen Emissionshandel wird seit Monaten heftig gestritten. Am 17. Juli 2026 hat die EU-Kommission nun ihre Reform des Emissionshandels vorgelegt und kommt der Industrie deutlich entgegen. Sie soll mehr Zeit bekommen, ihren CO2-Ausstoß zu senken, länger kostenlose Zertifikate erhalten, zusätzliche Milliarden für den Umstieg.
    Für die einen ist das die dringend nötige Entlastung. Für andere ein Rückschlag, weil sie Milliarden in klimafreundliche Produktion gesteckt haben, die sich nur bei hohem CO2-Preis rechnet.

    Inhalt

    Emissionshandel ETS: Wer verschmutzt muss zahlen 

    Der Emissionshandel, auf Englisch Emissions Trading System (ETS), ist das wichtigste Klimaschutzinstrument der EU. Das Prinzip dahinter: Wer klimaschädliches CO2 ausstößt, braucht für jede Tonne ein Zertifikat, eine Art Verschmutzungsrecht. Derzeit kostet eine Tonne CO2 rund 80 Euro. Weil es davon jedes Jahr weniger gibt, steigt der Preis und mit ihm der Anreiz, in saubere Technik zu investieren.  
    Für die Industrie ein teures Verfahren. Seit Monaten steigt deshalb der Druck auf die EU-Kommission, beim Emissionshandel für Entlastung zu sorgen.

    EU lockert Verschmutzungsrechte

    Die EU-Kommission will die Regeln für den Emissionshandel mit Verschmutzungsrechten für Kohlendioxid lockern. Geplant ist, dass die jährliche Obergrenze für den CO2-Ausstoß der Industrie ab 2031 langsamer sinkt als bisher vorgesehen.  
    Das bedeutet, dass die Industrie in Zukunft länger und mehr CO2 ausstoßen kann als bisher geplant. Bislang sollte sie bis 2039 praktisch klimaneutral sein – von da an hätte es keine neuen Zertifikate mehr gegeben. Dieser Zeitpunkt verschiebt sich nun um mehrere Jahre nach hinten.  
    Länger gibt es auch kostenlose Zertifikate. Energieintensive Branchen wie Stahl und Zement sollen sie bis 2038 statt bis 2034 erhalten. Allerdings knüpft Brüssel das an Bedingungen. Unternehmen bekommen zunächst 80 Prozent, wenn sie einen Investitionsplan für klimafreundlichere Produktion vorlegen, die restlichen 20 Prozent erst, wenn sie ihn auch umsetzen. Wer die Produktion außerhalb der EU verlagert, muss die Gratiszertifikate zurückzahlen. 
    Zusätzlich dürfen Unternehmen einen kleinen Teil ihrer Klimaschutzpflicht über Projekte außerhalb Europas erfüllen. Und der Emissionshandel soll ausgeweitet werden, zum Beispiel auf Müllverbrennung.
    Ab 2029 sollen auch Flüge aus der EU dazukommen, die bis zu 5000 Kilometer weit gehen, zum Beispiel nach Dubai oder Istanbul. Bisher galt der Emissionshandel im Luftverkehr vor allem innerhalb Europas.

    Mehr Zeit für die Industrie  

    Energieintensive Konzerne wie BASF und ThyssenKrupp hatten zuvor gewarnt, der Emissionshandel werde zu teuer, Arbeitsplätze wanderten ins Ausland ab und Werke müssten schließen. 
    Christian Kullmann, Chef des Chemiekonzerns Evonik, forderte zeitweise sogar die Abschaffung des ETS. Sein Argument: Das Geld werde anderswo dringender gebraucht. 
    Für diese Unternehmen bringt die Reform genau das: mehr Zeit. Sie dürfen länger CO2 ausstoßen, bekommen länger kostenlose Zertifikate, der Preis steigt langsamer. Die Hoffnung dahinter: Bis dahin könnten sich Technologien weiterentwickeln, mit denen sich Emissionen günstiger einsparen lassen. 
    Doch je später ein Unternehmen investiert, desto teurer wird es, denn der CO2-Preis steigt weiter und die Zertifikate werden knapper. Und die EU macht mit ihren Bedingungen klar, dass die Unternehmen investieren müssen, um klimaneutral zu werden, darum kommen sie nicht herum. 
    Die Besprechungen zur Reform waren von Anfang an ein schwieriger Balanceakt: auf der einen Seite gibt es die Länder und Unternehmen, denen der Emissionshandel zu teuer ist, auf der anderen jene, die bereits viel investiert haben und warnen, eine Schwächung des Instruments schwäche zugleich ihr Geschäftsmodell, zum Beispiel den grünen Stahl. 
    „Der Industrie verschafft die Reform kurzfristig Entlastung, dauerhaft wettbewerbsfähiger wird sie dadurch jedoch kaum”, sagt Sebastian Rausch vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.  

    Schwächung der Klimaziele 

    Trotz dieser Zugeständnisse bleibe man auf Kurs zum EU-Klimaziel für 2040, so die EU-Kommission. Bis dahin sollen die Netto-Treibhausgasemissionen um 90 Prozent gegenüber 1990 sinken. Bis 2050 will die EU klimaneutral sein.  
    Der CDU-Klimapolitiker Peter Liesewird die Reform voraussichtlich für das Europaparlament verhandeln. Er spricht von einem guten Tag für den Klimaschutz, die Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitsplätze in Europa.  
    Grüne Abgeordnete sehen das anders. Ihrer Meinung nach schwäche der Vorschlag die Klimaziele massiv.  
    Auch aus der Wissenschaft kommt Kritik. Die Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält den Unternehmen zwar zugute, dass sie bei der Transformation Unterstützung brauchen, aber nicht diesen Aufschub, den die Kommission ihnen nun gewährt. Denn je länger die Industrie mehr CO2 ausstoßen darf, desto stärker verschiebt sich die Last in die Zukunft. 
    Auch die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch kritisiert die Reformvorschläge der Europäischen Kommission. Sie würden das Erreichen der EU-Klimaziele gefährden.  
    Nun sind das Europaparlament und die Mitgliedstaaten am Zug. Sie werden eigene Änderungen einbringen und über die endgültigen Regeln verhandeln. Fertig werden wollen sie damit Anfang 2027, um die Ausgabe der Zertifikate rechtzeitig anpassen zu können. 

    Onlinetext: Elena Matera