Freitag, 30. September 2022

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"Kollaps" in Wiesbaden
Alle sind zu allem fähig

Die Grundidee ist nicht neu und in Hollywood, wenn sie in einem neuen Film umgesetzt wird, auch jedes Mal ein Erfolg: Szenarien von Gesellschaften, die an ein zivilisatorisches Ende gelangt sind, in denen die sozialen Regeln nicht mehr gelten, statt Solidarität der Egoismus gesiegt hat. Philipp Löhle hat einen solchen Stoff nun für die Bühne des Wiesbadener Theaters entwickelt.

Von Cornelie Ueding | 14.04.2015

    Ein ungewöhnlich moralischer Abend: es geht um die Frage, was ist, wenn man uns von einem Augenblick zum anderen den Lebenssaft abdrehen würde, also das Internet, das Handynetz, den Strom und alles, was damit verbunden ist - und wenn man glaubt, dass es kein "morgen" mehr geben wird. Zusammenbruch. Totalkollaps. Chaos. Die These des Autors Philipp Löhle: Alle sind zu allem fähig. Weiber werden zu Hyänen, der Mob rast durchs Revier und alle freuen sich rauschhaft - endlich, endlich - die Verantwortung für sich, die Zukunft "und überhaupt" los zu sein.
    Da fliegen die Fetzen und der Müll und die Vögel fallen vom Himmel, selbst die Flugzeuge fliegen nicht mehr und überhaupt "Nix geht mehr". Die Menschen lassen die Sau raus, die Supermärkte werden geplündert und abgefackelt und jeder ist sich selbst der Nächste. Fünf Figuren versuchen für diesen Irrsinn Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Zunächst verwitzeln sie ihre Ratlosigkeit in Dialogen; und Löhles beste Szenen leben von der Spannung zwischen flapsigem Jargon, Sprachlosigkeit und Angst vor den ebenso unerklärlichen wie existenz-bedrohlichen Vorkommnissen.
    Aber da ist auch noch das Bestreben, die fünf Menschen auf der Bühne und die im Parkett zum besorgten bis panischen Nachdenken über den Sinn des Lebens im Allgemeinen wie auch in dieser schrecklich sinnentleerten turbokapitalistischen Wohlstandswelt im besonderen zu bringen. Allen voran das junge Vorzeige-Elternpaar, beide berufstätig, der Alltag versiert arbeitsteilig durchorganisiert. Doch gerade die hätten um ein Haar den apokalyptischen Stromausfall dazu benutzt, die eigenen Kinder im Stich zu lassen. Dann der Erbe eines Sanitär-Installations-Marktführers, der mit Suizid-Techniken ebenso wenig klarkommt wie mit dem ärztlichen Todesurteil in der Tasche seines (teuren) Anzugs. Ein mit allen Wassern des juristisch korrekten Abwimmelns gewaschener Job-Advisor und sein "Kunde", ein wutbürgerlicher, arbeitsloser Industrieingenieur.
    Im weiteren Verlauf wird sich der durch Niedriglohn-Angebote Geschändete, als eine Art Robin Hood in eigener Sache, mit einem Gewehr in der Hand zu nehmen versuchen, was ihm zusteht: Auto, Frau, Pool, Klamotten. Schließlich stöckelt da noch die unvermeidliche Nachwuchsmanagerin im Designer-Etuikleid mit Rollkoffer durchs Bild - auf der Suche nach der nächsten Sprosse ihrer nach "ganz oben" offenen Karriereleiter. Typen fürs Wiedererkennungslachen, durchaus mit einem gewissen Augenzwinkern. Bedauerlicherweise hat Regisseur Jan Philipp Gloger der Versuchung nicht widerstehen können, die sich steigernde moralische Erosion dieser Figuren mit immer brachialeren und flachen Bildern zu illustrieren. Das flippige kleine, zynisch-apokalyptische Kammerspiel der ersten halben Stunde wird immer mehr zu einer Götterdämmerung im Taschenformat. Die jeder für sich aus dem Ruder laufenden Figuren sind nur noch Zerrbilder von Alltags-Philosophen, die Sprache wird zum Wutschrei und die Pointen flach, während Rauchschwaden über die vollgemüllte Bühne wabern.
    Am Ende des Stückes sind wir wieder am Anfang: Strom und Netz und Flieger sind genauso unerklärt wieder da, wie sie vorher weg waren. Der Müll ist etwas beiseite gekehrt, die ramponierte Grünpflanze wieder aufgestellt, und alle machen - ein düsteres Menetekel - genauso weiter wie gehabt. Nur die ehrgeizige Jungmanagerin ist jetzt Chefin. Aber die Phrasen, die Hilflosigkeit, die Sinnlosigkeit sind geblieben. Alle gehen zur Tagesordnung über, als wäre nichts gewesen. Die Frage, warum diese Art Mini-Existenzialismus Konjunktur hat und was es bedeutet, dass wir nicht satt werden, die Lust am Beinahe-Untergang wie kultivierte Berserker immer wieder zu beschwören, wird nicht einmal gestellt.