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Konfessionswechsel
Flüchtlinge lassen sich taufen

Bereits 18 andersgläubige Menschen haben sich 2017 in der amtsfreien Stadt Zossen in Brandenburg taufen lassen. Unter ihnen sind auch muslimische Flüchtlinge. Manche Gemeindemitglieder werfen ihnen hinter vorgehaltener Hand vor, sie wechselten nur die Konfession, um bessere Asylchancen zu haben. Die Pfarrerin sieht ganz andere Gründe.

Von Sandra Voß | 16.05.2017

    Der Taufkranz liegt auf dem Rand des Taufsteins um das Taufbecken, in dem die Taufkanne steht, aufgenommen am 30.06.2013 in der Dorfkirche Lohmen.
    Said schätzt am christlichen Glauben, dass Jesus zu allen freundlich war. (dpa / picture alliance / Rainer Oettel)
    "In diesem Gottesdienst soll Said getauft werden. Das ist der große junge Mann, kannst du mal eben aufstehen? "
    Said, schlank und groß, im schwarzen Pulli mit blauer Jeans, steht kurz auf, nickt kaum merklich mit dem Kopf und setzt sich schnell wieder hin. Said ist 21 Jahre alt und kommt aus dem Iran. Heute will er in die Christliche Gemeinde aufgenommen werden.
    "Das ist nicht nur ein Grund, das hat viele Gründe. Doch der wichtigste Grund ist, ich hatte immer weniger in meinem Herzen. Ich habe immer etwas gesucht. Ich war ein Verlorener, ein Verlassener, jetzt möchte ich getauft werden. "
    Auf der Suche nach Liebe und Freiheit
    Im christlichen Glauben findet Said etwas, was die Pfarrerin und Superintendentin der Gemeinde, Katharina Furian auch von anderen gehört hat.
    "Sie suchen bei uns Liebe und Freiheit. Das sind die beiden Kernsätze. Liebe und Freiheit."
    Said schätzt am christlichen Glauben, dass Jesus zu allen freundlich war. Das ist auch sein Ziel. Freundlich zu allen sein, nicht nur zu seiner Familie. Der Täufling mit den sanften braunen Augen ist froh und dankbar, in Deutschland entscheiden zu können, welche Religion er leben will.
    "Ich habe Kopf, ich kann entscheiden, was ist richtig, was ist falsch. Ich muss verstehen mit Herz, danach erst glauben."
    Unterstützung von Freunden und anderen Täuflingen
    Der Täufling kam vor fünf Monaten aus dem Iran nach Deutschland, ins Erstaufnahmelager in Wünsdorf, sieben Kilometer südlich von Zossen. Seither ging Said in den Taufunterricht. Dort hörte der ruhige junge Mann Gleichnisse aus dem Leben Jesu, lernte die Bedeutung des Gebetes "Vater unser" oder bearbeitete die Bergpredigt. Und besuchte die Gottesdienste, in denen jeden Sonntag ein Teil des Evangeliums auf Persisch vorgelesen wird. Zur Taufe von Said sind Landsleute und Freunde aus Berlin angereist, die schon getauft sind. Sie haben das Neue Testament auf den Knien, in zwei Sprachen, auf Deutsch und auf Persisch.
    "Said, ich taufe dich auf den Namen Gottes, des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes."
    Mit gesenktem Kopf empfängt der junge Mann die Taufe. Links neben ihm steht sein Freud Ali und hält die Taufkerze, rechts neben ihm sein Freund und Dolmetscher Daniel, der den Taufspruch auf Persisch vorliest.
    "Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt."
    "Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern."
    Nach der Zeremonie wirkt Said gerührt und erleichtert. Mit einem Lächeln im Gesicht nimmt der sonst so verträumt blickende Mann die Glückwünsche der Freunde entgegen.
    "Mein Herz macht bum bum. Das ist ein sehr wichtiger Tag für mich. "
    Said ist in diesem Jahr der achzehnte andersgläubige Mensch, der sich in Zossen taufen lässt. Katharina Furian weiß, es gibt auch vereinzelte Gemeindemitglieder, die sich ihren Teil über den religiösen Sinneswandel der Fremden denken.
    "Natürlich gibt es Leute, die sagen auch in der Gemeinde, aber auch deutschlandweit, dass sind nur Flüchtlinge, die sich hier taufen lassen, um bessere Chancen zu haben, hier zu bleiben. Da wissen wir unterdessen, dass das nicht stimmt. Weil diese, die Sie da heute gesehen haben, haben alle schon eine Ablehnung. Alle."
    Taufe nicht aus Kalkül
    Bei einer Ablehnung kann es bis zu einen halben Jahr dauern, bis der endgültige Bescheid zur Abschiebung kommt. Das heißt, alle neuen Gemeindemitglieder wissen schon jetzt, sie werden wahrscheinlich nicht hier bleiben können. Ein Kalkül, um hier zu bleiben, ist das sicher nicht. Der Ehemann der Superintendentin, Gilbert Furian macht deutlich, was eine tatsächliche Abschiebung bedeutet.
    "Wer als Christ und gebürtiger Muslim in den Iran abgeschoben wird, dem droht die Todesstrafe."