Mittwoch, 29. Juni 2022

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Krieg in Syrien
Regime-Truppen nehmen Altstadt von Aleppo ein

Die Truppen von Syriens Präsident Baschar al-Assad haben innerhalb weniger Stunden die Altstadt von Aleppo eingenommen. Die Rebellen haben das Viertel aufgegeben. Während die Stadt bald komplett in der Hand des Regimes sein könnte, ist die Sorge um die Lage der Zivilbevölkerung insbesondere im belagerten Ostteil unverändert groß.

Von Carsten Kühntopp | 07.12.2016

Syrische Familien auf der Flucht aus Ost-Aleppo - im Hintergrund sind zerstörte Gebäude zu sehen.
Syrische Familien auf der Flucht aus Ost-Aleppo (dpa / picture-alliance / Aleppo Media Center / Handout)
Die Strategie des syrischen Machthabers Baschar al-Assad geht auf: Nach monatelanger Belagerung des Ostteils von Aleppo kommen jetzt immer neue Erfolgsmeldungen für ihn. Und sie folgen immer schneller aufeinander. Erst gestern hatten Armeesoldaten und verbündete Milizionäre einen ersten Vorstoß in die Altstadt von Aleppo unternommen. Dabei wurden sie von Kampfflugzeugen und durch Artillerie unterstützt.
Zunächst leisteten die Aufständischen Widerstand, es folgten heftige Gefechte, auch die Nacht über. Schließlich meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrecht mit Sitz in Großbritannien, die Altstadt sei wieder vollständig in der Hand Assads; die Rebellen hätten das Viertel schließlich aufgegeben, um nicht eingekesselt zu werden. Zwischen dem ersten Vorstoß in die Altstadt und der Einnahme des Viertels lagen also nur Stunden - und noch nicht mal Tage. Die Beobachtungsstelle erhält ihre Informationen von Aktivisten vor Ort und hat sich im Laufe der Jahre einen guten Ruf als zuverlässige Quelle erarbeitet.
Regierung lehnt Waffenruhe ab
Große Sorgen machen sich Oppositionsgruppen weiterhin über die Umstände, unter denen die Zivilbevölkerung im belagerten Ostteil von Aleppo lebt. Zakaria Belhafgy, ein Vertreter der Aleppo-Rebellen in der Türkei, verlangte eine fünftägige Feuerpause, damit die Menschen versorgt werden. Er sagte bei Al-Jazeera: "Die humanitären Bedürfnisse der Zivilisten müssen erfüllt werden, es muss sicheres Geleit und Evakuierungen geben, da die Lage in Aleppo sehr kritisch ist. Die Menschen erleben eine humanitäre Katastrophe. Selbst wenn sie wollen, können sie nicht rausgehen. Es gibt dort keine Krankenhäuser und Medikamente mehr. Die Staatengemeinschaft muss Druck ausüben, denn in Aleppo wird ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, unter den Augen der Weltöffentlichkeit."
Die syrische Regierung hatte hingegen gestern erklärt, man werde einer Waffenruhe nur zustimmen, wenn alle Aufständischen aus der Stadt abziehen. Einst lebten zwischen 250.000 und 300.000 Menschen in Ostaleppo. Wieviele es heute noch sind, dazu gibt es keine verlässlichen Schätzungen. Mehrere zehntausend Menschen haben während der vergangenen Tage das Rebellengebiet verlassen.
Enklave der Rebellen schrumpft
Die syrische Armee und Pro-Assad-Milizionäre hatten Mitte November eine Bodenoffensive begonnen, um die Aufständischen aus dem Osten von Aleppo zu vertreiben. Seitdem geraten die Aufständischen dort immer mehr ins Hintertreffen. Immer schneller scheinen die Assad-Einheiten voranzukommen. Auf einer Karte, die die syrische Armee veröffentlichte, ist die schrumpfende Enklave eingezeichnet.
Ursprünglich war sie etwa 45 Quadratkilometer groß. Nach den Geländegewinnen der vergangenen Tage kontrolliere man nun wieder 73 Prozent dieses Gebiets, so die Armee. Das klingt glaubwürdig, auch die oppositionsnahe Beobachtungsstelle hatte gestern eine ähnliche Zahl genannt.