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Künstlerin Rana MatloubMix aus Morgenland und Abendland

Rana Matloub stammt aus Bagdad, lebt seit 26 Jahren in Deutschland und versteht sich als deutsche Künstlerin. In ihrer audiovisuellen Installation "Zwei Kulturen, ach! In meiner Brust" können Besucher selbst zum Video-Jockey werden. An einem Reglerpult können Sounds und Bilder aus dem Irak sowie aus Deutschland zusammengemischt werden, zu einem spannenden Mix aus Mitteleuropa und Mittlerem Osten.

Von Peter Backof | 04.08.2016

Die Künstlerin Rana Matloub: In ihrer Ausstellung "Zwei Kulturen, ach! In meiner Brust" können Besucher selbst zum Video-Jockey werden.
Die Künstlerin Rana Matloub: In ihrer Ausstellung "Zwei Kulturen, ach! In meiner Brust" können Besucher selbst zum Video-Jockey werden (Deutschlandradio / Peter Backof)
Fernseh-Kinderprogramm aus dem Irak. Es läuft zum Beispiel "Heidi" als Video-Schnipsel. Diese berühmte Zeichentrickfigur im Kultur-Clash zwischen Frankfurt am Main und der Bergwelt mit Alm-Öhi und Ziegenpeter. Auch in Bagdad zu sehen mit diesen - in Japan produzierten - Kulleraugen. Nur, dass Heidi Lena heißt: Das klingt für ein irakisches Publikum besser. Für Rana Matloub, die in Bagdad geboren und aufgewachsen ist, eine Blende in die eigene Kindheit. Aber:
"Ich war, seit ich 15 bin, nicht mehr dort. Also ich bin nicht so sehr in der 'östlichen' Welt drin. Ich lebe hier länger als im Irak und fühle mich eigentlich viel mehr als Deutsche als Irakerin."
"Zwei Kulturen, ach! In meiner Brust" heißt die Ausstellung in der Kölner Galerie Matjö, in Abwandlung des west-östlichen Goethe-Worts. Aber weltschmerzlich hin und her gerissen zwischen Heimat und jetzt fühlt sich Rana Matloub so gar nicht. Es geht in ihrer mehrschichtigen Rauminstallation aus Video, Ton, Bodenskulptur und filigranen Zeichnungen nicht darum, die eine Kultur gegen die andere zu stellen, sondern – ganz experimentierfreudig– darum, sie ineinander zu überblenden.
"Jetzt ziehe ich auf die eins und bin auf der westlichen Seite sozusagen. Und jetzt habe ich rechts und links nur noch westlich."
Maschine als Globalisierungs-Simulator
Mitten im Raum steht die Schaltzentrale: ein Reglerpult für Video- und Audiospuren. Sämtliche Schieber- und Drehknöpfe sind ausführlich beschriftet. Für die Besucher, die hier selber entscheiden können, was sie sehen und hören wollen. Wie oft soll die Saddam-Hussein-Statue in Bagdad vom Sockel fallen? Wie oft soll ein junger Mann mit einem Mountainbike einen US-Strand entlang fahren. Soll er 2, 4, 8, 16 oder endlich oft zu sehen sein. Soll die Musik dazu eher westlich oder arabisch klingen? Das macht richtig Spaß: Die Regler reagieren in Echtzeit und man kann mit dem Material Pool, den Rana Matloub vorprogrammiert hat, spielen. Die Maschine ist so etwas wie ein Globalisierungs-Simulator. Man kann nicht nur herum zappen, sondern sich alles allmählich verändern lassen.
"Ich sehe Landschaften, Kinder, die kuscheln oder arabische Schrift. Ausschnitte von dem, was mir so einfällt, zu den Themen, die uns Menschen derzeit sehr stark beschäftigen. Meine Arbeiten sind ja eher politisch. Aber manchmal, besonders jetzt gerade, mit unserer jetzigen Politik hier oder überhaupt in der Welt, wird man leider von vielen als erstes als Mensch aus dem Irak befragt. Manchmal nervt es schon, weil ich bin ja auch ein Mensch und Künstler. Ich bin nicht nur die Frau, die aus dem Irak kommt."
Religiöse Thematik
Rana Matloub liebt es, Fährten auszulegen. Suggestive Sinnfetzen in Gedichtform. Sie definiert sich als Zeichnerin. Auch mit Audiospuren kann man zeichnen. "Ein roter Teppich vor dem Flugzeug, ein Esel, der sich an einem Tropfen Öl verschluckt", hieß es in einer anderen Arbeit. Sofort erkennt man Nachrichtenbilder oder Grafiken zu Ölvorkommen wieder, vor dem inneren Auge. In der Galerie ist so ein Sinnteppich am Boden zu sehen, aus trittfestem Beton. Sieben Module, die aussehen wie das Logo eines Transportunternehmens, überlagern sich. Oder sind es Flüchtlingsrouten? Die Zwischenräume ergeben: Mal ein Kreuz, mal einen vielzackigen Stern. Religiöse Thematik, Rana Matloub stammt aus einer christlichen Familie im Irak. Aber wie bei den Videos wird nicht das eine gegen das andere gestellt. In der Betonskulptur sind alles Elemente verzahnt, im mobilen Fluss.
"Klar, die gibt es noch im Hintergrund, diese andere Kultur, meine Kultur und auch nicht meine Kultur. Genauso wie die deutsche Kultur meine Kultur ist und auch nicht meine Kultur. Weil: Was ist östlich, was ist westlich?"
Der Metatext und das Plädoyer von Rana Matloub: Menschen in erster Linie als Menschen zu sehen. Kongenialer Ort, die Galerie Matjö in der Mathiasstraße. Hier gibt es homosexuelle Lokale und Geschäfte, in Hinterhöfen arbeiten Architekten. Man hört türkische Musik am Kiosk und etliche Fenster sind gutbürgerlich-kölnisch gestaltet. Viele Kulturen, ach! In dieser Straße!