
Notizbuch, Taschenrechner, Suchmaschine: Seit vielen Jahren nutzen wir Hilfsmittel, die unser Denken unterstützen. Auch die Künstliche Intelligenz macht uns das Leben einfacher. Doch die KI ist sehr viel mächtiger als alle bisherigen Werkzeuge.
Sie fasst Texte zusammen, strukturiert Argumente und zieht Schlussfolgerungen. Damit tut sie Dinge, die bislang als ureigene Aufgabe des menschlichen Geistes galten. Forscher haben untersucht, inwieweit das unsere Gehirnleistung beeinträchtigen könnte.
Gehirnveränderung: Warum wir der KI nicht das Lesen überlassen sollten
Beim Lesen lernen verändert sich das Gehirn. Eigentlich sei es nicht fürs Lesen gemacht, sagt der Psycholinguist Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. Deshalb funktioniert unser Gehirn neuronale Netzwerke, die sonst andere Aufgaben übernehmen, einfach um.
So kommen beim Lesen beispielsweise Gehirnstrukturen für die Gesichtserkennung zum Einsatz. Das führt Huettigs Forschungen zufolge dazu, dass Lesende viel besser Gesichter erkennen können als Nichtlesende. Lesen verändert das Gehirn also weit über Sprache hinaus.
Leseverhalten in Deutschland: Nur noch 27 Minuten am Tag
Auch die Qualität dessen, was wir lesen, fordert unser Gehirn unterschiedlich. Je komplexer der Text, desto eher verbessert man die kognitiven Fähigkeiten. Doch das Lesen befindet sich in einer Krise.
Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2024 verbringen die Deutschen derzeit nur noch 27 Minuten am Tag mit gedruckten und digitalen Texten. Nur 31 Prozent gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten einen gedruckten Roman oder ein Sachbuch aufgeschlagen zu haben.
Mentale Fähigkeiten: KI nimmt uns das “kognitive Workout” ab
Durch die immer weiter verbreitete Nutzung von Künstlicher Intelligenz wird selbst diese inzwischen so geringe Lesedauer in Zukunft wohl noch unterboten werden. Doch wer der KI das Lesen und Denken überlässt, verzichtet auf “kognitives Workout”, sagt Huettig. Er vergleicht das mit dem Training im Fitnessstudio: Wer wenig oder gar nicht trainiert, baut irgendwann ab.
Der Kognitionspsychologe Christian Stöcker sieht sogar noch weitreichendere Konsequenzen: Wer sich Arbeit nur noch abnehmen lasse, “der wird dann auch weniger zufrieden, weniger effektiv sein als jemand, der selbst gelernt hat, wie etwas gemacht wird.”, betont er.
Stöcker hofft deshalb, dass wir es als Gesellschaft schaffen, genau wie regelmäßiges körperliches Training auch mentalen Sport selbstverständlich in unseren Alltag einzubinden: “Damit unsere Gehirne nicht verkümmern.”
Auslagerung von Denkprozessen: Warum KI gefährlicher ist als Google
Dabei hat der Mensch eigentlich die Tendenz, "kognitive Anstrengungen, wenn es irgendwie geht, zu vermeiden”, so Stöcker. Stattdessen greift er zu jeder Entlastungsmöglichkeit.
Werkzeuge wie Papier und Stift, der Taschenrechner oder Google erlauben es uns, uns an Dinge zu erinnern. Sie erlauben aber auch, uns Dinge gar nicht mehr zu merken, warnt Stöcker. Studien zeigten, dass sich Menschen mittlerweile “eher daran erinnern, wo sie etwas finden, als an den zu erinnernden Gegenstand selbst”.
Durch KI erfolgt nun der nächste Schritt. Während die bisherigen Hilfsmittel noch Denkprozesse unterstützten, lagert KI den eigenen Kognitionsprozess vollständig aus. Wenn man einem Sprachmodell beispielsweise die Aufgabe gebe, einen Essay zu einem bestimmten Thema zu schreiben, tue das Gehirn naturgemäß “sehr viel weniger, als wenn ich die Aufgabe selbst erledige”, erklärt Stöcker.
Zwar treffe das auch beim Taschenrechner zu, doch beim Kopfrechnen handele es sich nur um ein sehr eingeschränktes Gebiet. Bei der KI träfe es “große Teile dessen, was wir bis jetzt als ureigenste Domäne des menschlichen Geistes betrachten”.
Onlinetext: Maja Fiedler; Quellen: Deutschlandfunk
























