Neurotechnologie
Gedanken steuern Computer

Hirnimplantate können Menschen helfen, wieder zu hören, Computer mit Gedanken zu steuern oder Bewegungen neu zu lernen. Deutschland forscht bei Neurotechnologie weit vorne mit – doch bis die Technik im Alltag ankommt, gibt es noch einige Hürden.

    Fotomontage mit Gehirn und Computerplatinen (Symbolfoto)
    Deutschland ist in Sachen Neurotechnologie vorne mit dabei, bisher jedenfalls noch (Symbolfoto) (picture alliance / Chromorange / Christian Ohde)
    Es klingt etwas nach Science-Fiction, könnte aber bald Alltag sein: Hirnimplantate, die Menschen Sinneswahrnehmungen, Bewegung oder Sprache zurückgeben. Die Möglichkeiten reichen von der Behandlung von Krankheiten über die Gedankensteuerung von Computern und Prothesen bis hin zur Vision einer Verschmelzung mit künstlicher Intelligenz.
    Auch wirtschaftlich wächst das Interesse: Milliardäre wie Elon Musk und Bill Gates investieren in Neurotechnologie, manche haben eigene Unternehmen gegründet. Mehrere Firmen testen bereits neue Hirnimplantate in klinischen Studien. Wer jetzt vorne mit dabei ist, bestimmt damit auch die Regeln und Grenzen dieser Technologie.

    Inhalt

    Wie Brain-Computer-Interfaces Gedanken in Signale übersetzen

    Brain-Computer-Interfaces verbinden die elektrische Aktivität des Gehirns direkt mit Computern, Prothesen oder Robotern – ohne den Umweg über Muskeln. Dabei gibt es laut dem Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie invasive Systeme mit implantierten Elektroden im oder am Gehirn sowie nicht invasive Ansätze, bei denen die Hirnaktivität etwa über Elektroden auf der Kopfhaut gemessen wird.
    Schon seit den frühen 2000er-Jahren ist bekannt, dass sich die Hirnsignale für grobmotorische Bewegungen vergleichsweise gut deuten lassen.
    Lange waren solche Systeme allerdings zu groß, zu kompliziert und vor allem zu schlecht darin herauszufiltern, welche Informationen in der Hirnaktivität stecken. Der entscheidende Fortschritt kam in den vergangenen Jahren bei der Software, also bei der künstlichen Intelligenz, sagt Simon Jacob, Professor für translationale Neurotechnologie an der Technischen Universität München. KI helfe dabei, "aus den Daten sinnvolle Muster herauszulesen".
    Dadurch ist die Gedankensteuerung von Computercursorn oder Roboterarmen intuitiver, schneller und genauer geworden. Andere Anwendungen werden durch KI überhaupt erst möglich, zum Beispiel Sprache direkt aus dem Gehirn auszulesen. Jacob spricht deshalb von einem Wendepunkt, an dem die Entwicklung stark Fahrt aufnimmt.

    Neurotechnologie und Hirnimplantate aus Deutschland

    Deutschland gehört zu den führenden Standorten für Neurotechnologie: Gemessen an den wissenschaftlichen Publikationen der vergangenen zehn Jahre gibt es in keinem anderen europäischen Land mehr Forschung zu Hirn-Computer-Schnittstellen. Auch bei Neuroprothesen, die verlorene Sinneswahrnehmungen wiederherstellen sollen, hat Deutschland eine lange Forschungstradition.
    Ein Beispiel ist das Cochlea-Implantat: Es wandelt Schall in ein elektrisches Stimulationsmuster und stimuliert damit den Hörnerv. Kinder, die taub geboren werden, oder auch Menschen, die später taub werden, können so wieder lernen zu hören. Rund eine Million Menschen nutzen inzwischen solche Implantate.
    Auch Unternehmen entwickeln in Deutschland Hirnimplantate. Die Freiburger Firma CorTec etwa arbeitet seit 16 Jahren an implantierbarer Neurotechnologie. Ihr System "Brain Interchange" kann Hirnsignale auslesen und das Gehirn gezielt stimulieren. 2025 erhielt CorTec von der US-Zulassungsbehörde FDA die Erlaubnis, die Sicherheit des Systems an Menschen zu testen. Inzwischen tragen drei Patienten ein Implantat. Ziel ist die Rehabilitation nach einem Schlaganfall.
    Das System arbeitet als sogenannter Closed Loop, also als geschlossener Regelkreis: Es liest die Hirnsignale aus, wertet sie aus und sendet daraufhin gezielt Signale zurück ins Gehirn. Bei Schlaganfallpatienten soll es während der Physiotherapie beschädigte Hirnschaltkreise unterstützen und dabei helfen, neue Nervenverbindungen zu bilden.
    In Science-Fiction-Romanen ist ein solcher Regelkreis die Grundlage für Mind-Control, also Gedankenkontrolle. Elon Musks Unternehmen Neuralink will damit langfristig sogar "Superhuman Powers" ermöglichen, zum Beispiel Infrarotsehen oder Telepathie.

    Warum Neurotech in Deutschland ausgebremst wird

    Die Forschung ist hierzulande stark, doch der Weg in die klinische Anwendung ist lang und teuer. Das sieht man etwa am Beispiel eines Retina-Implantats aus Tübingen, das die Sehkraft wieder herstellt: 2013 erhielt es die Zulassung als Medizinprodukt in Europa, sechs Jahre später stellte die Ausgründung der Universität Tübingen den Betrieb ein, weil Geld für technische Überarbeitungen fehlte.
    Ein Problem in Deutschland ist vor allem das fehlende Risikokapital, also die Investition in ein neues Produkt, lange bevor es Gewinn abwirft. Nach einer Analyse der EU-Kommission flossen innerhalb von zehn Jahren mehr als 200 Milliarden Euro in den US-amerikanischen Health-Biotech-Sektor – rund zehnmal so viel wie in der EU.
    Clemens Fischer, Mitgründer der Healthcare-Gruppe Future und Investor in Neurotechnologie, kritisiert, dass es in Deutschland von der Grundlagenforschung bis in die Klinik zu lange dauere. Hinzu kommen vergleichsweise wenige kommerzielle klinische Studien und aufwendige europäische Zulassungsverfahren.
    In den USA laufen indessen besonders viele klinische Tests, auch China hat mit staatlicher Förderung stark aufgeholt. 80 Prozent der Patentanmeldungen im Bereich Neurotechnologie kommen mittlerweile von dort.
    Die EU versucht inzwischen, Hürden in der Medizinprodukteverordnung abzubauen, ohne den Patientenschutz aufzugeben. Deutschland will da mitziehen.

    Welche Risiken Hirndaten und Brain-Computer-Interfaces bergen

    "Die Neurotechnologie ist die einzige Technologie, die automatisch Daten erhebt", sagt Martin Schüttler, CTO und Mitgründer von CorTec, einem Freiburger Medizintechnik-Unternehmen. Die Systeme zeichnen Hirnaktivität auf, und diese Informationen können gespeichert und etwa über Cloud-Dienste verarbeitet werden. Schüttler beschreibt die Technik deshalb als eine Art "Mikrofon am Gehirn": Sie liefere nicht nur Informationen über Erkrankungen, sondern auch über andere Vorgänge im Gehirn.
    Damit wird Neurotechnologie auch zu einer Frage der digitalen Souveränität. Schüttler warnt davor, die Technologie und die dabei entstehenden Daten vollständig Akteuren in den USA oder China zu überlassen.
    Die EU arbeitet bereits an ethischen Leitlinien. Im Juni 2026 hat sie zudem ein Maßnahmenpaket beschlossen, das Europas technologische Unabhängigkeit stärken soll. Neurotechnologie wird darin zwar nicht ausdrücklich als Schlüsseltechnologie genannt. Weil Hirnimplantate aber auf Software, Cloud-Dienste und KI angewiesen sind, ist sie eng mit dieser Debatte verbunden. Es geht damit auch darum, wer über die Technik und die dabei entstehenden Hirndaten verfügt.

    Radiobeitrag: Von Anneke Meyer / Onlinetext: Elena Matera