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Kultureller Genozid in Tibet?

Trotz der Unruhen in der chinesischen Provinz Tibet sieht die Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik Anzeichen dafür, dass die Regierung in Peking zu Gesprächen mit dem Dalai Lama bereit sei. Torpediert würde ein solches Treffen jedoch sowohl von der tibetischen Provinzregierung, als auch von Kräften aus dem Umfeld des Dalai Lamas. Der vom geistlichen Oberhaupt der Tibeter ins Spiel gebrachte Begriff des "Kulturellen Genozids" treffe eher auf die Zeit vor Mitte der 90er Jahre zu, so Weigelin-Schwiedrzik.

Von Rainer Berthold Schossig | 16.03.2008

    Rainer Berthold Schossig: Frage an Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Sinologin an der Universität Wien, der Dalai Lama hat also vom "kulturellen Genozid" in Tibet gesprochen, das klingt düster. Was meint er damit?

    Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Ja, ich denke, dass der Dalai Lama über dieses Problem schon öfter gesprochen hat und dennoch glaube ich, dass man in unterschiedlichen Phasen der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Tibet und der Volksrepublik China diesen Ausdruck "kultureller Genozid" auch unterschiedlich verstehen muss. In der früheren Phase war es ziemlich deutlich, dass das kommunistische Regime in Peking eine religiöse Kultur in Tibet als nicht kompatibel mit den jeweiligen politischen Ansprüchen interpretiert hat und deshalb versucht hat, die religiöse Aktivität in Tibet auf ein Minimum zu reduzieren, sie zu verbieten, sie zu unterdrücken, weil das kommunistische Regime in Peking auch in der Existenz dieser Religion in Tibet eine Herausforderung an den Alleinvertretungsanspruch gesehen hat und auch schon aus diesem Grunde heraus das unterdrücken musste.

    Schossig: Und inwieweit hat sich daran etwas geändert heute?

    Weigelin-Schwiedrzik: Ja, ich denke, dass die kommunistische Regierung in Peking in den letzten Jahren ihre Politik gegenüber Tibet umgestellt hat. Das beginnt etwa mit der Mitte der 90er Jahre. Sie hat versucht, Tibet in den Modernisierungsrausch hineinzuziehen, der ja Gesamtchina erfasst hat. Und sie hat sich ausgerechnet, dass wenn sie in Tibet investiert, wenn sie das Leben in Tibet ökonomisch attraktiv macht, dass das dann nicht nur für die Randchinesen, die nach Tibet ja auch immer weiter gezogen sind, sondern auch für die Tibeter eine echte Alternative darstellt, und dass auf diese Art und Weise man die Menschen von dieser religiösen Orientierung und von der Orientierung auf den Dalai Lama loskaufen kann.

    Schossig: Also etwas mehr Zuckerbrot als Peitsche. Viele Tibeter fühlen sich ja aber nach wie vor als Bürger zweiter Klasse. Und wenn sie jetzt im Vorfeld der Olympischen Spiele ihre Forderungen noch mal so klar definieren, was steckt da dahinter?

    Weigelin-Schwiedrzik: Ich denke, dass die Regierung in Peking einen Teil der chinesischen Bevölkerung bis zu einem gewissen Maße hat für sich gewinnen können durch diese Entwicklungsmaßnahmen, die sie in den letzten Jahren nach Tibet hereingetragen hat. Wenn man so sich vor Augen führt, wie jetzt die Bevölkerung zum Beispiel entlang dieser neuen Eisenbahnlinie nach Tibet lebt, wie die sich dazu äußern, welche Möglichkeiten sie im ökonomischen Bereich haben, dann kann man sagen, dass die chinesische Regierung hier einen Nerv getroffen hat, der auch bei Tibetern nicht taub ist. Aber auf der anderen Seite hat sie überschätzt, meine ich, wie stark man in der Lage ist, die Bevölkerung in Tibet mittels solcher ökonomischen Anreize für sich zu gewinnen. Die chinesische Bevölkerung hat ja während der Kulturrevolution einen Höhepunkt ihrer Mobilisierung in Form einer Utopie erreicht. Und als der Zusammenbruch dieser Kulturrevolution nicht mehr zu übersehen war, hat ja die chinesische Bevölkerung sich sehr schnell von dieser utopischen Orientierung hin zu einer ökonomisch-realistischen Orientierung leiten lassen. Und ich glaube, dass die chinesische Regierung bis heute noch nicht begriffen hat, dass die Menschen in Tibet anders sind.

    Schossig: Der Dalai Lama scheint es ja nicht für nötig zu halten, die Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren. Er hat das ausdrücklich nicht gefordert. Er spricht von einem nötigen Dialog. Wie aber ist der überhaupt vorstellbar, wo anscheinend ja in Peking man absolut harthörig ist in der Frage von Autonomie und kultureller Eigenständigkeit Tibets?

    Weigelin-Schwiedrzik: Ich sehe das nicht ganz so negativ. Ich glaube, dass es Anzeichen dafür gibt, dass die chinesische Regierung in Peking durchaus prinzipiell bereit wäre, mit dem Dalai Lama zu sprechen und auch anders herum. Es gibt nun allerdings inzwischen Störfaktoren und dazu gehört erstens, dass es eine Regierung in Tibet gibt, die ja von Chinesen dominiert ist, die nicht in allen Dingen identische Interessen hat mit der Regierung in Peking. Und auf der anderen Seite gibt es auch eine Entourage des Dalai Lama, die natürlich auch ihre Vorstellung hat über die Frage, was passiert nach dem Dalai Lama, wie können wir die Interessen der Tibeter am besten zum Ausdruck bringen. Und da könnte es durchaus sein, dass es auch Kräfte in der Umgebung des Dalai Lama gibt, die vielleicht weniger als der Dalai Lama an einem Dialog mit Peking interessiert sind.

    Schossig: Die Wiener Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik zu den Hintergründen der jüngsten Äußerungen des Dalai Lama, in Tibet finde ein kultureller Genozid statt.