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Landwirtschaft vernichtet Waldbestand

Argentinien ist mittlerweile der drittgrößte Soja-Produzent der Welt. Und weil der Soja-Boom nicht abreißt, geht der Kahlschlag weiter. Selbst unter Schutz stehende Gebiete sind vor der Rodung nicht mehr sicher, wie zum Beispiel das Naturreservat General Pizarro im Norden Argentiniens - Wohnort der Wichi-Indianer.

Von Eva Bahner |
    Donato ist aufgebracht. Wenn sie den ganzen Wald abholzen, wer gibt mir dann zu essen, fragt er: Honig von wilden Bienen, Früchte des Algarrobo-Baums, Wurzeln von Wald-Sträuchern, Wildschweine. Wir gehen jeden Tag in den Wald zum Jagen und Sammeln, erklärt er. Wir brauchen den Wald.

    Donato gehört zum Stamm der Wichi-Indianer, Ureinwohner, die im Norden Argentiniens leben. Nachdem die kleine indigene Gemeinde bereits vor fünf Jahren aus einem Abholzungsgebiet vertrieben wurde, wohnen die elf Familien nun im Naturreservat General Pizarro im Osten der Provinz Salta. Und erneut droht ihr Lebensraum, der Wald, zerstört zu werden.

    Die Provinzregierung von Salta hat der 25.000 Hektar großen Waldfläche vor einem Jahr den Status eines Naturreservats aberkannt. Die Hälfte des Reservats General Pizarro ist bereits an Agrarfirmen verkauft, die dort nach der Abholzung Zitrusfrüchte, Mais und Soja anbauen wollen. Es ist das erste Naturreservat in Argentinien, das der Landwirtschaft zum Opfer fallen soll. Für Jorge Adámoli, Agrar-Ingenieur an der Universitaet Buenos Aires, wäre das ein herber Verlust:

    "Die Bedeutung des Naturreservats General Pizarro in der Provinz Salta liegt darin, dass es das einzig geschützte Waldgebiet ist, das einen Übergang darstellt zwischen dem Chaco- und dem Nebelwald. Es gibt also diesen Übergangsstreifen in der Ebene, und die einzig geschützte Fläche in diesem Streifen war eben das Naturreservat General Pizarro. "

    Moose, Flechten, Lianen, verschiedenste Vogelarten und Wildschweine finden sich im Naturreservat General Pizarro. Es liegt am Rande des Gran Chaco und ist nach dem Tropenwald des Amazonas das zweitgrößte Urwaldgebiet Südamerikas. Besonders hier führte die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Argentinien zu großflächigen Rodungen. So wurden in den letzten Jahrzehnten bereits 70 Prozent der ursprünglichen Vegetation unwiderbringlich zerstört. Auch die nördlichen Provinzen Argentiniens am Rande des Gran Chaco, die bislang hauptsächlich Tabak angebaut haben, wollen nun am Soja-Boom mitverdienen, wie Flavio Aguilera, Wirtschaftssekretär der Provinzregierung Salta, erklärt:

    "Die Entwicklung des Soja-Anbaus im ganzen Land ermöglicht uns, andere Ackerkulturen mit dieser Pflanze zu kombinieren, was früher so gut wie unbezahlbar war. Und deshalb betrachten wir die Verbreitung des Soja als großen Gewinn für diese Region. "

    1995 wurden in der argentinischen Chaco-Region noch fünf Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzt. Bis 2010, schätzt der Biologe Jorge Adámoli, wird sich diese Fläche verdoppelt haben. Die Provinz Cordoba zum Beispiel besitzt inzwischen nur noch acht Prozent ihrer ursprünglichen Waldfläche. Das Abholzungsverbot für die nächsten 10 Jahre, das die dortige Provinzregierung nun verabschiedet hat, kommt nach Ansicht vieler Umweltorganisation zu spät. Der nationalen Waldbehörde Argentiniens zufolge erlebt das Land derzeit den stärksten Kahlschlag der Geschichte. Doch gerade in den semi-ariden, also relativ wasserarmen Gebieten hat die Abholzung ihren Preis: die Erosionsgefahr steigt. Jorge Adámoli, erklärt warum:

    "Die fortschreitende Landwirtschaft hat inzwischen schon semi-aride Gebiete erreicht. Und in den letzten 20, 25 Jahren gab es eine positive Klimaveränderung, das heisst es hat vielmehr geregnet als noch vor 30 oder 60 Jahren. Daher kann es sein, dass es irgendwann eine starke Bodenerosion geben wird, und die Wüstenbildung zunimmt. Wir wünschen nicht, dass sich diese Prognosen bewahrheiten, aber wir müssen sehr wachsam sein. "

    Deshalb fordert Adámoli eine Art Raumordnungsplan fuer die Ausbreitung der landwirtschaftlichen Nutzflächen und eine nachhaltige Abholzung, die die Artenvielfalt berücksichtigt. Mit aller Kraft setzt er sich dafür ein, zumindest das einzigartige Öko-System des Naturreservats General Pizarro in Salta zu erhalten.

    Die Chancen stehen schlecht trotz einer Klagewelle von Menschenrechts- und Umweltorganisationen, die mittlerweile schon den Obersten Gerichsthof erreicht hat. Das ahnt auch die Umweltorganisatione Greenpeace Argentinien, die seit eineinhalb Jahren, seitdem die Provinzregierung von Salta den Status des Naturreservats aufgehoben hat, versucht, das Naturschutzgebiet zu retten.

    Nach etlichen Demonstrationen in Salta hat Greenpeace nun auch die wohl angesagteste Rock-Band in Argentinien, Bersuit Vergarabat, für ihren Kampf gegen Provinzregierung und Agrarlobby gewonnen. Außerdem haben die Aktivisten mit zwei anderen Umweltorganisationen eine Spendenaktion gestartet, um die bereits verkaufte Fläche des Reservats wieder zurückzukaufen. Ein realistischer Plan? Emiliano Ezcurra, Kampagnen-Chef von Greenpeace Argentinien:

    "Mit einem Peso schickst Du eine Nachricht, so sehen wir das. An wen? An die nationale Regierung. Denn die nationale Regierung lässt es zu, dass die Abholzung in den Provinzen voranschreitet. Denn sie sagt einfach, es fällt nicht in unseren Kompetenzbereich. Und mit dieser Entschuldigung und dieser passiven Haltung macht sie sich zum Komplizen der Zerstörung, die wir im Norden Argentiniens beobachten, auf einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland, mit einer Abholzungsrate von 20 Fußballfeldern pro Stunde. "

    Im Naturreservat Pizarro sind die Bulldozer bisher noch nicht angerückt. Die Unternehmen, die nun im Besitz der Fläche sind, warten noch auf gruenes Licht von der Provinzregierung. Die Landwirtschaft wird inzwischen weiter wachsen, eine Rekordernte von 80 Millionen Tonnen Getreide erwartet die argentinische Regierung nächstes Jahr, die Hälfte davon Soja.