Sonntag, 27. November 2022

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"Le Duc d'Albe" vervollständigt und auf der Bühne

Der Komponist Gaetano Donizetti komponierte schnell und viel, um über die Runden zu kommen. Ende der 1830er-Jahre entstand die Oper "Le Duc d’Albe". Er vollendete das Werk nie. Erst jetzt nach 173 Jahren kommt das Werk in Antwerpen auf die Bühne. Giorgio Battistelli hat Donizettis Partitur vervollständigt.

Von Frieder Reininghaus | 07.05.2012

    Es sei, meinten gestern Abend mehrere Besucher der
    Vlaamse Opera, "ihr Stück". Und da haben sie Recht. Die Oper, an der Gaetano Donizetti 1839 die Arbeit abrupt und ohne Kommentar gegenüber Freund oder Feind abbrach, als er bereits etwa vier Fünftel zu Papier gebracht hatte, dieses Werk spielt um 1570 in Flandern und ist ein emphatischer Kommentar zum Kampf der Niederländer um politische und religiöse Freiheit.

    Den großen Librettisten Eugène Scribe müssen allerdings die Teufel der Freigeisterei geritten haben, als er dem 1838 wegen der bourbonischen Zensur in Neapel nach Paris emigrierten Donizetti ausgerechnet dieses hoch politisierte Libretto anvertraute. Denn in Paris war eben – nach einem fast geglückten Attentat auf den Börsen- und Bürgerkönig Louis Philippe – die Bücher- und Theater-Zensur wieder eingeführt worden. Dass in dieser Situation in Paris eine Grand Opéra herauskommen könnte, die unverhohlen Sympathie mit dem Freiheitskampf im benachbarten Flandern bekundete und den Tyrannenmord auf offener Bühne in höchsten Tönen besang, war kaum mehr zu erwarten (geschmeidig wandten sich Scribe und Donizetti anderen Projekten zu und recycelten Teile des "Duc d’Albe", der Dichter für die "Sizilianische Vesper").

    In der zeitüblichen Weise überlagerte das Libretto die historische Grundierung mit einer Love-Story. Hier ist es ein Vater-Sohn-Konflikt, über dem die große Liebe zwischen Hélène, die Tochter und Rächerin des Grafen Egmont, und dem Tenor Henri de Brugges zerbricht – er wird als Sohn Albas geoutet und zwischen den Fronten zerrieben. Am Ende ersticht Hélène statt des Herzogs ihn.

    Wurden "Die Hugenotten" von Scribe und Meyerbeer von der Pariser Zensur 1836 noch durch Verstümmelung für die Uraufführung "gerettet" – "Le Duc d’Albe" war politisch-ästhetisch offensichtlich zu weit vorgeprescht.

    Schon im späten 19. Jahrhundert versuchte Matteo Salvi, die hoch dramatische Musik Donizettis fürs Opernrepertoire zu erschließen. Er bearbeitete die Partitur nach dem fortgeschrittenen Zeitgeschmack und schrieb den vierten Akt zu Ende. Aber das Werk konnte sich in der Konkurrenz mit Giuseppe Verdis "Sizilianischen Vesper" wegen der zu großen Ähnlichkeit nicht durchsetzen. Nun hat der italienischen Komponist Giorgio Battistelli eine neue Komplettierung vorgenommen. Er stützte sich, so weit als irgendwie möglich, auf alle fertig gestellten Teile und die Skizzen ergänze behutsam, machte dabei aber durch eine ganz vom 20. Jahrhundert geprägte Intonation die Unterschiede zum Donizetti-Sound deutlich. Das neu komponierte Schluss-Tableau setzt mit seiner "depressiven" Stimmung einen klaren Kontrapunkt: Da kommt keine heroische Freude auf über die schmähliche Abberufung Albas durch den spanischen König Philipp II.

    Carlos Wagner inszenierte die große Historienoper gestützt auf Großsymbole der Ausstattung von Alfons Flores: Soldaten des Zweiten Weltkriegs, wie sie auf Kriegerdenkmälern in Belgien allenthalben zu sehen sind, monumental vergrößert, halten die Erinnerung an das, worum es auch in der Liebesgeschichte geht, beständig wach: Denn größer noch als zu Henri ist die Liebe der Grafentochter zum toten Vater Egmont.

    Rachel Harnisch, die zunächst nicht ganz koloraturensichere Hélène, die dann aber auch noch stimmlich heroische Größe zeigt, tritt in Offiziershosen und mit jenem weißen Umhang auf, mit dem einschlägige Kostümfilme und Operninszenierungen minderer Güte Jeanne d’Arc auszustatten pflegen – das mag ein ironisches Zitat gewesen sein – wie das der Madonna mit dem Kind, der die Titelfigur immer wieder mit Inbrunst zugetan ist. George Petean erscheint mit seiner vernarbten Glatze als wahrhaft martialischer Blutherrscher, öffnet dann aber in der Erkennungsszene mit dem Sohn die stark tätowierte Brust. Als Sympathieträger wurde er nicht in Szene gesetzt. Dies um so mehr Ismael Jordi, der als Freiheitskämpfer wie als Grandensohn scheiternde eigentliche Hauptheld der Oper. Zu deren Gelingen in Antwerpen trug der Chor einen Löwenanteil bei und das Orchester unter Paolo Carignani mit einer insgesamt soliden, phasenweise sehr intensiven Leistung.