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Lehrplan-Reform in Polen
Auswendiglernen statt selber denken

Die polnische Regierung reformiert das Schulsystem - und die Lehrpläne gleich mit. Nun geht es wieder fast so zu wie im kommunistischen Polen, bemängeln Kritiker: Im Fokus stehe stupides Auswendiglernen. Außerdem werde das Land im Fach Geschichte vor allem als Opfer fremder, feindlicher Mächte dargestellt.

Von Florian Kellermann | 14.02.2017
    Schulkinder in Polen.
    Schulkinder in Polen. (AFP / JANEK SKARZYNSKI)
    Ministerin Anna Zalewska ist von ihrer Sache überzeugt. Die neuen Lehrpläne würden das Unterrichtsniveau verbessern, meint sie:
    "Wir haben Wort gehalten. Wir haben unsere Pläne intensiv beraten und versucht, über keine Anmerkung hinwegzugehen. Damit wir letztendlich eine perfekte Pläne haben."
    Die rechtskonservative Regierungspartei PiS hat selbst dafür gesorgt, dass die Lehrpläne umfassend geändert werden müssen: Sie baut das bisher dreigliedrige Schulsystem um. Zukünftig soll es nur noch eine achtjährige Grundschule und, darauf aufbauend, ein vierjähriges Lyzeum geben. Das polnische Schulsystem wird damit wieder dem ähneln, das es im kommunistischen Polen gab.
    Lernen wie in kommunistischen Zeiten
    Genau das werfen die Kritiker auch den Lehrplänen vor, besonders in den geisteswissenschaftlichen Fächern. Die Schüler würden, wie zu kommunistischen Zeiten, zum stupiden Auswendiglernen von Fakten gezwungen, heißt es. Auf die Fähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden, werde noch weniger Wert gelegt als bisher.
    Slawomir Zurek ist Professor an der Katholischen Universität in Lublin und befasst sich mit Didaktik im Fach Polnisch:
    "Kommunizieren zu können und interpretieren zu können - das sind die Grundlagen dafür, in der modernen Wirklichkeit zurechtzukommen. Das wird auch im Pisa-Test verlangt, in dem wir uns Jahr für Jahr verbessert haben. Jetzt werden wir schnell wieder absacken. Ich rate den Lehrern, dass sie sich mit den Schülern jetzt auf das Erstellen von Texten konzentrieren. Das erweitert den Wortschatz und entwickelt das Denken. Ansonsten können die Lehrer nur auf bessere Zeiten hoffen."
    Kritik am Lernstoff
    Auf Kritik stößt auch die große Zahl von Büchern, die im Fach Polnisch zur Pflichtlektüre gehören sollen. Die Lehrer haben somit kaum noch die Möglichkeit, eigene Ideen anzubringen. Die Gegner der Reform gehen davon aus, dass hinter den neuen Lehrplänen nicht nur pädagogisches, sondern auch politisches Kalkül steckt.
    Der Lehrerverband ZNP wirft dem Programm im Fach Geschichte vor, dass es eine unkritische Haltung fördere. Außerdem werde den Schülern ein martyrologischer Zugang zur eigenen Geschichte vermittelt. Mit anderen Worten: Polen wird vor allem als Opfer fremder, feindlicher Mächte dargestellt. Professor Slawomir Zurek:
    "Ich fürchte, dass wir den Weg gehen, der für autoritäre Regierungen charakteristisch ist. Bei einer Ausschreibung wird pro Fach ein einziges Lehrbuch ausgewählt, das die einzig richtige Interpretation der Fakten vermittelt.
    Bisher waren die Lehrer deutlich freier in der Wahl der Lehrbücher. Die Schule wird stark politisiert, die PiS will wohl ihre eigenen Wähler heranziehen. Nicht umsonst werden die Wörter 'Nation' und 'national' im neuen Lehrplan durch alle möglichen Fälle dekliniert."
    Lehrer fordern Volksabstimmung
    Der Lehrerverband will sich mit der beschlossenen Bildungsreform nicht abfinden. Er sammelt Unterschriften, mit denen er die Regierung überzeugen will, eine Volksabstimmung über die Reform zu organisieren.
    Wenn eine halbe Million Polen unterschreiben, muss sich das Parlament zumindest mit dieser Frage befassen. Die PiS-Regierung lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass für sie ein Referendum nicht in Frage kommt. Dafür sei es zu spät, so Ministerin Zalewska, das Parlament werde den Antrag abschmettern.