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Leistungsdruck ist Doping-Auslöser

Zwischen Wettbewerbsdruck und Doping im Sport besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Das ist das Ergebnis einer Studie der Privat-Universität Witten-Herdecke. In der Untersuchung wurde nach den Rahmenbedingungen geforscht, die Leistungssportler zu unerlaubten Substanzen greifen lassen.

Von Heinz Peter Kreuzer | 05.04.2010

Warum dopen sich Sportler? Diese Frage haben Frank Tolsdorf, Sportökonom an der Privatuniversität Witten-Herdecke, und sein Münsteraner Kollege Alexander Dilger mit der Studie "Doping und Wettbewerbsintensität” zu beantworten versucht. Sie stellten fest, das für die Sportler nur der kurzfristige Erfolg zähle, alles andere sei Nebensache. Und je näher die Leistungen der Athleten beieinander liegen, desto größer ist die Neigung zu dopen. Frank Tolsdorf:

"Bei der Motivation des Sportlers zu dopen, ist der Leistungsdruck der entscheidende Indikator. Aber Geld führt dann dazu, dass effektiver gedopt wird. Man kann sich anschauen, die Herren von der Uni Freiburg, die dann ein systematisches Dopingsystem für Profi-Radsportler aufgebaut haben. Und das kann sich ein Sportler aus der zweiten oder dritten Welt, wo kein Kapital zur Verfügung steht, nicht leisten."

Der Hintergrund dieser Studie ist eine Diskussion des Wittener Sportökonoms mit einem Freund, der, Ende 20, Leistungssportler, steckte in dieser Dopingfalle. Tolsdorf erinnert sich an die entscheidenden Worte seines Freundes:

"Pass mal auf, ich kann mir jetzt überlegen, ich hör mit dem Sport auf, oder ich muss auf Dopingmittel zurückgreifen. Und in dem Moment wurde es mir erst mal klar, dass hier kein aktiver Betrug stattfindet, sondern ein Sportler in eine Situation gebracht wird, wo er eigentlich nur noch reagiert, und durch diese Reaktion dann auf Dopingmittel zurückgreift."

Tolsdorfs Freund entschloss sich letzten Endes, mit dem Sport aufzuhören. Für den Wissenschaftler war es der Anfang einer Untersuchung. Grundlage waren 188 Dopingfälle in der Leichtathletik zwischen 1999 bis 2004. In den 13 Disziplinen der olympischen Kernsportart wurden die 30 Besten der Weltrangliste jedes Jahres bei Männern und Frauen ausgewertet und in Beziehung zu den Dopingfällen gebracht:

"Was wir zeigen konnten, ist, dass das Konkurrenzniveau gerade bei den Kurz- und Mittelstreckenläufen extrem hoch ist, das gilt für Männer und Frauen. Und das gerade im Bereich von Kugelstoßen, Speerwurf und Diskuswurf die Konzentration nicht so stark an der Weltspitze ist, das bedeutet, man hat eher Sportler, die herausragen und dann folgen einige andere. Beim 100 Meter-Lauf kann man nicht sicher sein, wer die nächste Weltbestzeit läuft."

Insgesamt gab es in dieser Zeit Dopingfälle in 46 Nationen. Die Rangliste führen die Länder an, die auch beim olympischen Medaillenspiegel die Spitzenpositionen einnehmen.

"Die USA mit 33 Dopingfällen ist ganz klar die Nummer eins. Auf den weiteren Plätzen folgen dann Großbritannien mit zwölf, dann kommt Rumänien vor Russland und dann kommt schon Deutschland gefolgt von Griechenland und Kenia."

Probleme gab es bei der Zusammenstellung des Datenmaterials. Denn im Zeitraum der Forschungsarbeit waren Organisationen wie die Welt-Anti-Doping-Agentur noch im Aufbau, so dass weltweite Statistiken kaum verfügbar waren, außerdem berief sich die WADA auf den Datenschutz. Auch von nationalen und internationalen Leichtathletik-Verbänden kam keine Unterstützung.

"Unsere Hypothese ist, dass natürlich auch bei Verbänden und weitergehend bei Sponsoren oder Wettkampfausrichtern systematische Fehlanreize bestehen, die eine effektive Dopingbekämpfung nicht ermöglichen."