Dienstag, 09. August 2022

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Licht im Lauf der Zeit

Wie bricht sich das Licht auf der Oberfläche? Diese Frage stellt sich beim Blick auf Heinz Macks Kunst im Dotmunder U. Das Markenzeichen des 81-jährigen Künstlers sei die Reduzierung auf das Licht und seine Bewegung, findet die Kunstkritikerin Christiane Vielhaber.

Christoph Schmitz im Gespräch Christiane Vielhaber | 07.05.2012

    Christoph Schmitz: Es gab sie einmal, die Stunde Null. Nach Krieg und Vernichtung ganz neu anfangen, voraussetzungslos – so die gesellschaftliche Illusion. Bei Null anfangen wollten auch einige Künstler, Heinz Mack und Otto Piene. Sie gründeten 1958 die Düsseldorfer Gruppe ZERO. Später kam Günther Uecker noch dazu. Mit der Nachkriegskunst wollten sie Schluss machen. Mit einem "Übermaß an Ballast" sei diese "befrachtet. Das aufgezwungene Drama der Hitler-Zeit, die Kunstfertigkeit von Informel und Tachismus wollten die ZERO-Leute überwinden und suchten in Licht und Bewegung den reinen Stoff der Kunst gewissermaßen. So stand ZERO auch für ein helles, freies, utopisches Niemandsland. Für sein Lebenswerk hat einer der Gründer von ZERO jetzt den Preis der Kulturstiftung Dortmund bekommen, Heinz Mack. Das Museum Ostwall zeigt im Dortmunder U dazu eine Mack-Ausstellung mit dem Titel "Zwischen den Zeiten" mit selten oder nie gesehenen Arbeiten, wie es heißt, aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Christian Vielhaber, welches seltene oder nie gesehene Werk haben Sie dort im Dortmunder U gesehen?

    Christiane Vielhaber: Sehr viele. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass es Fotografien von Heinz Mack gibt, die mich erinnert haben zum Beispiel an Blossfeldts Fotografien von Naturformen, die wiederum aussahen wie dekorative Formen aus der Kunst. Ich habe sehr viel Mack gesehen und dazu sollte ich vielleicht sagen, dass letztes Jahr in der Bundeskunsthalle eine große Mack-Ausstellung war, und da konnte man zum Beispiel vor lauter Lichtstelen den ganzen Stelenwald nicht mehr sehen. Die war so zugeknallt, da war von allem so viel drin und auch vom Frühwerk und auch vom Spätwerk. Und das, was jetzt Kurt Wettengl geschafft hat für das Dortmunder U: er hat fast ausschließlich Werke aus Macks Atelier geholt, die wir wirklich noch nicht gesehen haben. Natürlich ist bei ganz vielen Arbeiten, wenn er mit dem Medium Licht arbeitet, wenn er mit Plexiglas arbeitet, wenn er mit geriffelten Gläsern arbeitet, wenn er mit Prismen arbeitet, ein Wiedererkennungswert da. Aber zum Beispiel werden dann eben nur sieben Stelen in der Mitte auf so eine kleine Insel getan, aus dem Frühwerk werden schwarz-weiße Strukturarbeiten gezeigt, wo man ganz genau das merkt, was Sie eben gesagt haben: weg von der Farbe, weg von der auch Beliebigkeit der informellen Malerei, weg vom Gestischen, sondern Reduzierung auf bestimmte Farben. Und bei Mack ist es eben so: Reduzierung auf das Licht und auf die Bewegung, und auch das ist das Besondere an ihm. Er ist mit Sicherheit nicht der Erste, aber er hat im Zusammenhang mit dem Licht die 4. Dimension in die Kunst gebracht, nämlich die Dimension Zeit. Das merken Sie zum Beispiel an so Rotor-Reliefs, die sich drehen und bewegen, und dann sind die einzelnen Elemente darin, verändern ständig ihre Form. Und dann stehen Sie davor: Das ist meditativ, das ist still, das kann man auch dekorativ nennen, aber da ist er doch schon ziemlich Avantgarde gewesen Anfang der 60er.

    Schmitz: Also Fotos, Installationen oder Bilder auch, sagen Sie, Gemaltes, Gezeichnetes.

    Vielhaber: Ja, und dieser Titel "Zwischen den Zeiten", das stimmt so unheimlich. Wenn Sie reinkommen, dann sind diese frühen Schwarz-Weiß-Bilder und gleich daneben ein riesiges Bild von 2011, farbig, wo es aber auch um die Spektralfarben geht, wo dieses sich Überblenden jetzt malerisch gemacht ist. Sie finden dann zum Beispiel kleine Glasfenster, Glaskunst, Sie finden Keramik, die ich von ihm noch nie gesehen habe, und eigentlich ist es immer: Wie bricht sich das Licht auf der Oberfläche und was macht das Licht?

    Schmitz: Selten gesehene oder nie gesehene Gegenstände, aber keine Resterampe, das was er nicht los geworden ist, sondern das ist schon die Spitze seines Könnens, was gezeigt wird.

    Vielhaber: Absolut. Da muss ich sagen, der Zugriff von Kurt Wettengl ist einfach toll gewesen. Und wenn Sie sehen, zum Beispiel was früher, Anfang der 60er-Jahre, jahrelang im Düsseldorfer Foyer hing, der große "Garten Eden", wo er experimentiert mit Materialien, die wir aus der Weltraumtechnik kennen, was dann irgendwelchen vandalistischen Kaputtmachern zum Opfer gefallen ist, das er wieder rausgeholt hat, und jetzt hängt es da, das ist also wirklich, da können Sie sagen, das ist alles nicht Resterampe. Das war mal ganz toll und auch die aktuellen Arbeiten von 2011. Sie dürfen nicht vergessen – der Künstler ist jetzt 81 -, mit welcher Kraft und mit welchem Elan der eigentlich noch diesen Künstleringenieur oder Künstlerphilosophen nicht nur gibt, sondern der er wirklich glaubwürdig auch ist.

    Schmitz: Bekommt man denn mit diesen, sage ich mal, nie gesehenen Stücken einen neuen Blick auf sein Werk, oder ergänzt es das, was man von ihm kennt oder was Sie von ihm bisher kannten?

    Vielhaber: Diese Auswahl war so präzise, dass Sie eigentlich aus jeder Werkphase genau das haben, was für ihn wichtig war, und Sie haben doch eine Entwicklung und Sie haben eine Kontinuität von den frühen wirklich handwerklichen Arbeiten bis zu utopischen Architekturentwürfen und Ausflügen in die Sahara und Arktis. Das ist beeindruckend.

    Schmitz: Christiane Vielhaber, vielen Dank für diesen Bericht über die Heinz-Mack-Ausstellung "Zwischen den Zeiten" im Dortmunder U.