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Lyrische Komödie der Künstler

Giacomo Puccinis Schwalbe, "La Rondine", war ursprünglich als lyrische Oper für Wien geplant. Dann wurde das Stück 1917 wegen des Ersten Weltkrieges in Monte Carlo uraufgeführt. Zur Spielzeiteröffnung in Venedig nimmt Graham Vick eine Neuinszenierung vor: Der einst radikale "Britpopper" aus London verlegt Puccinis Liebesgeschichte in die späten 1950er Jahre.

Von Christoph Schmitz | 28.01.2008

    Die Premiere begann nicht mit Musik, sondern mit einer Durchsage der Opernleitung. Die Hälfte der Kasseneinnahmen des Abends sei für die Hinterbliebenen der Unfalltoten im Hafen von Mestre gedacht. Zwei Werftarbeiter waren kurz zuvor ums Leben gekommen. Wieder einmal die Folge mangelnder Sicherheitsvorkehrungen. Die Fahnen der linksregierten Stadt standen auf Halbmast, Karnevalsveranstaltungen auf dem Markusplatz wurden abgesagt, Solidarität mit den Opfern auf der Bühne und im Publikum, Schweigeminute.

    Das wirkliche Leben von heute dringt in den barocken Kunstraum einer Stadt, die vor allem von altem Glanz und touristischer Verkleidung lebt. Doch auch in künstlerischer Hinsicht will das Theater der Gegenwart Platz machen, erklärt der neue künstlerische Direktor des La Fenice, Fortunato Ortombina.

    ""Die Oper und das Theater sind die DNA unserer Gesellschaft. Unser Publikum will das Neue. Das gilt auch für die Regie. Schließlich hat Venedig durch die Kunstbiennale einen starken Bezug zur zeitgenössischen Ikonografie","

    sagt Ortombina und bezieht diese Ambitionen auch auf die Neuinszenierung von Puccinis "La Rondine", die zum Saisonauftakt der Regisseur Graham Vick übernommen hat.

    Zusammen mit seinem Bühnenbildner Peter Davison hat der einst radikale "Britpopper" aus London, Graham Vick, Puccinis Liebesgeschichte von 1900 in die späten 1950er Jahre verlegt. Aus dem Fin de Siècle-Pomp der Pariser Bankierswohnung ist eine kühl-elegante Chrom-Suite geworden. Die Halbweltdamen tragen die Haute Couture jener Zeit. Im zweiten Akt sieht man viel Pepita und Schmalzlocken, der Tanzsaal des Café Bullier hat sich in einen Luna-Park verwandelt, wo die Vespa-Fahrer mit ihren Mädchen zu Puccinis Rhythmen wirbelnden Rock ’n’ Roll hinlegen.

    Die Jugend in den 50ern war noch recht zahm. In Gestik und Mimik fügt Graham Vick seine Protagonisten absolut stimmig ins Vergnügungsmilieu dieser Zeit ein. Wie sich die Geliebte des Bankiers, Magda, von diesem trennt, wie sie sich in den jungen, naiven Ruggero auf dem Luna-Park verliebt und mit ihm auf der Suche nach der bedingungslosen romantischen Liebe nach Nizza flüchtet, das könnte die perfekten Filmbilder für eine Romanze im vermeintlich heilen Nachkriegsjahrzehnt abgeben.

    Leicht sieht alles aus, und leicht gemacht. Mit Eleganz und luftiger Transparenz liefern der Dirigent Carlo Rizzi und das Fenice-Orchester die dazugehörigen Klänge. Der Dichter und die Dienerin spielen und singen quirlig die Witzpartien. Fernando Portaris Ruggero ist jugendlich frisch, und die Sopranistin Fiorenza Cedolins verleiht ihrer Magda eine Stimme von großer Reinheit und Zärtlichkeit bis ins Pianissimo.

    So gekonnt die Leichtigkeit dieser aus der Idee der Operette geborenen Oper zum Leben erweckt wurde, so sehr blendeten Musik und Szene alle untergründigen Spannungen und offensichtlichen Eruptionen aus. Magda darf einmal etwas Kristall zerbrechen und Ruggero heulend in die Knie gehen. Als Höhepunkt des Regietheaters fällt am Ende, wenn Magda den Geliebten in Nizza verläßt, der Stoffhimmel über der Cote d’Azur zu Boden.

    Darum ist diese neue "La Rondine" letztlich eine gefällige Produktion. Sie begnügt sich mit der Oberfläche einer historischen Verwandlung. Die unschöne Wirklichkeit des Privaten und Politischen, gleich ob die der 50er Jahre oder der Gegenwart, läßt sie nicht an sich heran. Obwohl Puccinis Spätwerk, komponiert während des Ersten Weltkrieges mit Zitaten aus der ins Atonale schweifenden "Salome" von Richard Strauß, manchen Anknüpfungspunkt bietet.

    Wenn die Hafenarbeiter von Mestre ins La Fenice gingen, könnten sie sich dort in einer venezianischer Verkleidungsoper vom Tod ihrer Kollegen für zwei Stunden nur ablenken lassen. Aber der neue Chef Ortombina ist ja erst seit vier Monaten im Amt. Da kann es mit der Zeitgenossenschaft noch was werden.