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Mainzer Gartenfeldplatz
Wohlfühloase mitten in der Stadt

Vor ein paar Jahren war der Gartenfeldplatz in der Mainzer Neustadt wenig attraktiv. Dann hat die Stadt ihn für viel Geld neu gestaltet. Etliche Geschäfte haben sich angesiedelt. Jetzt ist der Platz Treffpunkt junger Mainzer.

Von Katharina Peetz | 19.04.2015
    Ich liege mit dem Gesicht zum Himmel gerichtet auf den schmalen, flachen Holzstehlen des großen Sitzblocks am rechten Flügel des Platzes. Träge schieben sich ein paar große Wolken aneinander vorbei. Den blauen Himmel kontrastieren die lichten grünen Spitzen der Gleditschien-Bäume, die ordentlich aufgereiht nebeneinander stehen.

    Aus dem Augenwinkel sehe ich den hohen Giebel eines sandsteinfarbenen Hauses im Jugendstil. Ich höre das entspannte Gemurmel der Menschen, die auf der großen Sitz-und Liegefläche um mich herum hocken. Hebe ich den Kopf, fällt mein Blick auf die spielenden Kinder am Klettergerüst und im Kiessand des Spielplatzes. Die kleine blonde Lina, etwa ein Jahr alt, muss gerade von ihrer Mutter ermahnt werden, keine Kieselsteinchen zu essen. Die junge Mutter löffelt Eis aus einem der pink, weiß und hellblau gestreiften Eisbecher.
    Pulsierendes Leben
    Hier am Gartenfeldplatz in der Neustadt von Mainz pulsiert das Leben. Der Platz ist für junge Menschen und Familien mit Kindern zum Treffpunkt und Zentrum der Neustadt geworden. Das liegt vor allem auch an der Gastronomie, die sich in den letzten Jahren und Monaten an allen vier Ecken des Platzes angesiedelt hat.
    Die bunten Eisbecher der Eisdiele "Neis", kurz für "Neustadteis", sieht man zumindest im Sommer in fast jeder Hand. Vor der Buchhandlung mit Café namens "Bukafski" sitzen Menschen, genauso wie vor dem liebevoll eingerichteten Café "Annabatterie" und gegen Nachmittag dann auch vor der alteingesessenen Kneipe "Bagatelle". Der neu eröffnete Imbiss "Schrebergarten" verkauft türkische Kumpir, Ofenkartoffeln, die langsam gegart und dann mit Gemüse und Saucen serviert werden. Auch auf dem Platz. "Also zumindest handhaben wir das jetzt auch so, dass wir Teller mit rausgeben, um einfach den Müllaspekt gering zu halten. Die Leute fragen auch gezielt: Kann ich den Teller oder das Glas mitnehmen? Wir setzen uns da gemütlich hin und bringen es gleich wieder. Leute nehmen Geschirr mit raus. Es ist wie unsere Terrasse", sagt "Schrebergarten"-Besitzerin Leyla Camkerten-Benli. Der "Schrebergarten" ist mit seinem großen Schaufenster sehr offen gestaltet. Das Mobiliar besteht aus schlichten weißen Hockern an einem zum Gartenfeldplatz gerichteten Tresen und Sitzecken, die über und über mit dicken Kissen in Pink, Rosa und Gelb dekoriert sind. Die Liebe zum Detail ist in der Einrichtung zu spüren.
    Genau das zeichnet den gesamten Gartenfeldplatz aus, findet Christine Hahn, Geschäftsführerin des Cafés "Annabatterie": "Ich glaube schon, dass das sehr geschätzt wird, dass das einfach alles sehr bodenständig gehalten wird und sehr natürlich. Dementsprechend ist hier eigentlich auch so dieses ganze Gefühl auf dem Platz: sehr ruhig, sehr entspannt. Ich mag ganz besonders die Feierabendstimmung hier." Die "Annabatterie" lockt mit einem ausgefallenen Kuchensortiment. Heute locken kleine aufwändig verzierte Cupcakes mit Erdbeeren und Johannisbeeren auf den Sahnehäubchen aus der kleinen Vitrine an der Theke. Für Schokoladen-Liebhaber ist die Nutella-Torte genau das Richtige. Das Café ist ein Ort, der zum Verweilen und Wohlfühlen einladen will.
    Verweilen und Wohlfühlen
    Das Wohlgefühl treibt auch die Inhaberinnen der Eisdiele "Neis" an, erklärt Anke Carduck: "Eis ist ein Gut, das viele Leute glücklich macht. Also man zaubert den Leuten ein Lächeln aufs Gesicht und deswegen ist Eis einfach schön hier am Gartenfeldplatz."

    Vor allem die ausgefallenen Sorten wie Zitrone-Buttermilch, Walnuss-Ahornsirup oder Karotte-Buttermilch-Banane besitzen großes Lächel-Potenzial. Vegan, also ohne tierische Produkte wie Milch, sind zum Beispiel Pflaume oder Holunderblüte. Im "Schrebergarten" werden die veganen Kartoffeln mit Walnussöl statt mit Butter bestrichen. Auch auf Nachhaltigkeit legen die Gastronomen Wert. Daniel Sieben vom "Schrebergarten" erklärt: "Wenig Verpackungsmüll, Sachen kommen aus der Region." Der Gartenfeldplatz ist hipp, das Publikum überwiegend jung. Trotzdem gibt es auch zeitlose Geschäfte - eine Modeboutique, einen Musikladen und ein Wollgeschäft. Für "Bukafski"-Betreiber Matthias Dölger gehören sie genauso zum besonderen Flair des Gartenfeldplatzes: "Die Mischung aus alt eingesessenen und neuen Geschäften macht das Charakteristikum des Platzes aus."
    Gute Nachbarschaft
    Bei gemeinschaftlichen Veranstaltungen wie dem Gartenfeldplatzfest sind sie ebenfalls vertreten. Die gute Nachbarschaft betonen alle Ladeninhaber. Es gibt sogar eine Art Panini-Heft des Gartenfeldplatzes. Die Fotos von Mitarbeitern des Platzes sammelten Kunden für ihr Sticker-Album. "Der Platz ist belebter, davon profitieren alle, wir können uns alle glücklich schätzen, dass wir momentan am Gartenfeldplatz angesiedelt sind", sagt Dölger.

    Das war nicht immer so. Der Gartenfeldplatz ist einer der ersten Plätze der Mainzer Gründerzeit. Entstanden ist er zur Jahrhundertwende, was man an den vielen Jugendstilbauten auch heute noch erkennt. Seit den sechziger Jahren gab es einen Bolzplatz. Im Rahmen des Programms "Soziale Stadt in der Neustadt" hat die Stadt Mainz den Platz für fast eine halbe Million Euro neu gestaltet. Vor fünf Jahren war die Umgestaltung samt Spielbereich, versenktem Trafo-Häuschen und weiteren Sitzgelegenheiten abgeschlossen. "Junge Menschen haben neuen Platz gefunden zum sich treffen", sagt Sabine Opitz, Inhaberin vom Wollgeschäft "Was ihr wollt" am Platz. Davon sind nicht alle Anwohner begeistert, weil mehr Menschen entsprechend auch mehr Lärm bedeuten. Andere ältere Bewohner rund um den Gartenfeldplatz haben ihren Frieden mit der Neustrukturierung des Platzes und dem entsprechend jüngeren Publikum geschlossen. Eine ältere Anwohnerin sitzt auf dem Gartenfeldplatz, beobachtet die Kinder beim Spielen und schleckt ihr Malzbier-Eis. Sie freut sich, dass der Platz jetzt belebter ist und trotzdem verhältnismäßig gepflegt aussieht. Die neuen Geschäfte testet sie fleißig aus: "Annabatterie - da ist mir der Kuchen zu mächtig, im Schrebergarten will ich mir unbedingt mal so eine Kartoffel holen, aber ich nehme mir die dann mit, ich kann auf den Holzhockern nicht sitzen, dafür bin ich zu alt."