Samstag, 21. Mai 2022

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Marion von Osten vs. Philipp Oswalt
Kann das Bauhaus heute noch Vorbild sein?

Das Bauhaus gilt als Vorbild für Kreativität, Demokratie und Modernität. Doch kann es 100 Jahre nach seiner Gründung noch Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit geben? Darüber diskutieren die Kuratorin Marion von Osten und der Architekt Philipp Oswalt.

Moderation: Carsten Probst | 05.01.2019

Außenaufnahme des Bauhaus-Archiv, Museum fuer Gestaltung, in Berlin
Bauhaus-Archiv in Berlin: Außenaufnahme (Arco Images)
Die 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Designschule Bauhaus gilt vielen heute als Inbegriff der Moderne: als eine demokratisch organisierte Institution, die die angestaubten Hochschultraditionen des 19. Jahrhunderts über Bord warf, und wo Lehrer und Schüler sich auf Augenhöhe begegneten, vereint in einer Vision für die Gestaltung einer besseren Weltgesellschaft. In vielen Veranstaltungen zum Bauhausjahr 2019 soll untersucht werden, was uns das Bauhaus als Vorbild für die Probleme der heutigen Zeit noch zu sagen hat: bei Umweltschutz, Armutsbekämpfung oder dem unkontrollierten Wachstum der Megastädte.
Marion von Osten, Kuratorin und künstlerische Leiterin des internationalen Projektes "Bauhaus Imaginista", das bereits seit 2018 auf nahezu allen Kontinenten Konferenzen und Ausstellungen durchführt, um den Einfluss des Bauhauses in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen zu erforschen, vermag eine reine Vorbildfunktion des Bauhauses nicht zu erkennen:
"Es macht gerade das Bauhaus aus, dass es vielfältig ist und nicht die eine homogene Richtung vertritt. Die Bauhäusler mussten in der Emigration auch ihre Praktiken ändern. Sie mussten sich durchkämpfen, anpassen, und dies auch in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten. Und das Bauhaus selbst hat sich viele Anregungen aus anderen Kulturen geholt."
Schwerlich könne man unter solchen Voraussetzungen heute von einem eindeutig nationalen Bauhaus-Erbe sprechen.
Darin ist sich von Osten grundsätzlich einig mit dem Architekten und Publizisten Philipp Oswalt. Dieser hält jedoch das Bauhaus-Jubiläum als Ganzes für "kontraproduktiv":
"Eigentlich müssten wir uns alle heute erst einmal ordentlich über das Bauhaus streiten, wenn die Erinnerung daran noch einmal produktiv werden soll. Aber in diesem großen Konsens: 'Wir sind alle so kreativ, und das Bauhaus war doch so toll' schütten wir das Kind mit dem Bade aus." Statt im Jubiläumsjahr mehrere Bauhaus-Museen zu eröffnen, wäre für Oswalt eine grundsätzliche Debatte über die heute seiner Meinung nach mangelhafte Designerausbildung in Deutschland angemessen.