Dienstag, 17. Mai 2022

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Marlene Dietrich. Im Frack zum Ruhm. Ein Porträt

Es gibt große Stars und mythische Stars. Diese unterscheiden sich von jenen durch das zweideutige Verhältnis aus Überferne und Übernähe zum Publikum. Denn einerseits wirken die mythischen Stars so vertraut, daß es ausreicht, sie mit ihrem Vor- oder Nachnamen auszusprechen, als wäre ihr Name ein familiärer Code. Andererseits wirken sie ins beinahe Göttliche entrückt. Es ist leichter, sich eine große, aber eben nicht mythische Helene Weigel beim Zähneputzen vorzustellen, als jene Sängerin, die einfach nur: die Callas heißt. Und es ist auch sehr viel leichter, eine Biographie über einen großen Star zu verfassen als über einen mythischen. Gewollt oder ungewollt errennen sich die Bücher über die Callas, die Garbo oder über Marlene Dietrich in die Idee, den mythischen Figuren nachweisen zu wollen, daß sie letzten Endes doch auch nur Menschen sind - und sie rennen sich dabei an der Undurchdringlichkeit des Mythos den Kopf ein.

Ursula März | 05.04.2000

So geht es Adolf Heinzlmeier, einem Frankfurter Filmwissenschafftler, der sich unter anderem als Autor intelligenter Schauspielerporträts einen Namen gemacht hat. Nun also ein Buch über "Marlene", das im Untertitel allzu großspurig "Die Biographie" heißt.

Heinzlmeier nähert sich der realen und privaten Marlene Dietrich über ihre Existenz und ihre Wirkung als Filmfigur. Das dürfte der entscheidende Fehler seines Essays sein. Denn die Vermenschlichung des Mythos läuft auf eine Verkleinerung und Banalisierung der Figur hinaus, und der Autor gerät dabei automatisch in die ungute Rolle des Schnüfflers. Er will der Diva, die in ihrer eigenen Autobiographie das gesamte Kapitel Männer im Rahmen des Platonischen behandelt hat und die in dem Interviewduell mit Maximilian Schell erklärte, sich für Sex und "solche Sachen" nie im Leben interessiert zu haben, unbedingt ein, wie er es nennt, "ausschweifendes Liebesleben" nachweisen.

Dabei macht Heinzlmeier den nächsten Fehler: Er verwendet das hysterisch rachsüchtige Buch von Maria Riva über ihre Mutter Marlene Dietrich als Quelle schlüpfriger Details. Offensichtlich ist Adolf Heinzlmeiers biographische Skizze unter Zeitdruck entstanden, um noch kurz vor dem Kinostart des Dietrich-Films von Joseph Vilsmaier an die Öffentlichkeit zu kommen. Es enthält keine neuen Erkenntnissse, keine neuen Rechercheergebnisse, es stellt lediglich einen weiteren Versuch dar, dem Mythos unter den Rock zu schauen.

Die Berliner Autorin Helga Bemmann, deren etwas bescheidener "Porträt" genanntes Buch über Marlene Dietrich ebenfalls gerade erscheint, geht unambitionierter an ihren Gegenstand heran, aber ihr Text ist ertragreicher und sympathischer. Ihr Schlüssel zum Phänomen und zum Leben der Dietrich ist nicht deren erste Karriere als Filmstar, sondern die zweite Karriere als Chansonnière und Diseuse. Helga Bemman rollt Marlene Dietrichs Leben am Faden der Musik auf, angefangen von der Ausbildung zur Konzertgeigerin, die durch eine Sehnenscheidennentzündung endete, über die Interpretation der Schlager von Friedrich Hollaender bis zu dem Gesangsrepertoire der 60jährigen Dietrich. So kommt Helga Bemmann erst gar nicht in die fatale, mit Konkurrenz aufgeladene Situation, sich an einer lkonographie abarbeiten zu müssen.

Abgesehen davon ist ihr Buch besser recherchiert und aufregender bebildert. Es enthält eine Fotographie, die Marlene an einem ihrer Lieblingsinstrumente zeigt, der singenden Säge, die sie auch in Hollywood immer dabei hatte, und ein Foto, auf dem die berühmteste Deutsche des Jahrhunderts dem französischen Schauspieler Jean Gabin auf der Geige verspielt. Aber auch Helga Bemmann kann nicht zaubern. Wirklich Neues über Marlene gibt es eben nicht.

Und so ist das Interessanteste an beiden Dietrich-Büchern der unmittelbare "Vergleich" den ihre Gleichzeitigkeit ermöglicht. Eine Studie über die tendenziöse Verwertung von Fakten und Mitteilungen ließe sich anhand der zwei Arbeiten verfassen. So weiß man beispielsweise, daß Marlene Dietrich sehr gut und gern kochte, gern Freunde bewirtete und überhaupt gern im Haushalt herumwirtschaftete. In Heinzlmeier Ermittlung gegen den Mythos wird daraus ein weiteres Beweisstück der Durchschnittlichkeit, ja geheimen Biederkeit der mondänen Dame, bei Helga Bemmann dagegen ein Element im Porträt einer sympathischen Frau, die nicht nur die Beine übereinander schlagen, sondern auch zupacken konnte und gelegentlich die Wohnung von Freunden aufräumte, wenn diese krank im Bett lagen.