Donnerstag, 29. September 2022

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"Matto regiert" in Zürich
Halbdebile, Gewalttäter und ihre Betreuer

Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser lebte von 1896 bis 1938 und war ein ganz besonderer Fall. Schlechte Kindheit, Erziehungsheim, drogensüchtiger Kleinkrimineller. Seine Bücher: Kriminalromane mit einem Touch Übersinnlichkeit, in denen es um Drogenekstasen geht. Der Regisseur Sebastian Nübling hat Glausers "Matto regiert" am Schauspiel Zürich inszeniert und zu dem psychedelischen Gruselstück gemacht, das auch der Roman ist.

Von Cornelie Ueding | 16.05.2014

    Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser im Sommer 1938 in Nervi, wie er an einem Tisch mit Schreibmaschine sitzt.
    Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser im Sommer 1938 in Nervi (picture-alliance / dpa)
    Zwei Dutzend Stühle, immer wieder umarrangiert, in der kahlen nüchternen Bühnenweite: Ein überschaubarer Ort – sollte man meinen. Doch Wachtmeister Studer und mit ihm das Publikum machen ganz andere Erfahrungen in diesem Krimi - und zappeln bald ebenso in Mattos Spinnennetz wie die Insassen der Heil- und Pflegeanstalt Randlingen. Denn es gibt im geregelten Alltag dieser Institution - und eben auch auf dieser ‚an sich' leeren Bühne - jede Menge von doppelten Böden, Tapetentüren, beflissenen Doktoren, tückischen Oberpflegern, schwierigen Pförtnern, Nachtwächtern, die ihr jeweiliges Herrschaftswissen bewahren und strategisch zum eigenen Vorteil anwenden.
    Ausgeklügelte Doppelbesetzungen
    Und es gibt auch extrem doppelgesichtige Patienten, halb Opfer, halb Komplizen dieses Systems. Wie fließend die Grenzen sind, verdeutlicht Regisseur Sebastian Nübling mit ausgeklügelten Doppelbesetzungen. Elf Schauspieler in 16 Rollen - mehrere von ihnen wechseln mit dem Kittel die Rolle, sind mal Insassen, dann wieder gehören sie zum Ärztestab – und doch auch wiedererkennbar. Das Anstaltspersonal, sieht man, steht den Insassen an zwanghaften Aktionen oder Angstattacken in nichts nach. Kein Wunder, dass der „Bundesratsattentäter" Schmocker, der sich bis in den letzten Winkel von Ärzten verfolgt fühlt, die sich gegen ihre Patienten verschworen haben, Schutz, Deckung und Gleichgesinnte mitten im Publikum sucht.
    Zuschauer als Teil des Anstaltsystems
    Und während man noch rätselt, ob er zu Unrecht kaserniert ist oder der schlimmste Fall von allen, nistet er sich im Zuschauerraum ein und macht sich dort durch ebenso renitente wie komische Zwischenrufe beliebt. Auch die Zuschauer, daran lässt die Aufführung keinen Zweifel, sind Teil dieses Anstaltssystems. Und dank geschickter Doppelbesetzung tritt uns der schwere Paranoiker in seinem zweiten Rollen-Leben als einflussreicher grand seigneur und durchsetzungsfähiger Oberst entgegen: ein kontrollwütiger Vater, der auch den ermittelnden Kommissar zu bestechen und nach seinem Willen zu lenken versucht. Allein Studer kommt von außen, soll dem Verschwinden des alten Anstaltsleiters und eines Patienten nachspüren.
    System Psychiatrie knacken
    Bald wird daraus eine Ermittlung wegen des Todes des langjährigen, verdienten Chefarztes, oder gar ein Mordfall? Von Anfang an sitzt der Tote ganz selbstverständlich auf einem Stuhl mitten unter den Ärzten, erst weiter hinten, später immer weiter vorn - und keiner nimmt ihn wahr. Doch was erklärt das? Nicht einmal Empathie, Scharfsinn und die speziell Studersche Mischung aus robuster Insistenz und eigenbrötlerischer Fantasie reichen aus, um das "System Psychiatrie" zu knacken. Stattdessen verdichtet sich von Szene zu Szene der Eindruck, dass dieses System Verdachtsmomente gezielt generiert - und sie zugleich auflöst.
    Kaum eine Reaktion der Figuren wird vorbereitet oder "erklärt" in Nüblings nuancierter Inszenierung. Wie selbstverständlich mischen sich vor Studers und unseren Augen absurde Gesten und Verbiegungen, ver-rückte Bildfindungen mit ganz alltäglicher Pedanterie, kleineren Ausrastern, unkontrollierbaren Wutanfällen und Anstaltsroutine. Angstneurotiker, Schizophrene, Halbdebile, Frühsenile, Gewalttäter und ihre Betreuer bilden ein „Reich", Mattos Reich, das jeden noch so gewieften Eindringling zum Blindgänger werden lässt. Am Ende stehen drei weitere Todesfälle und ein gerupfter Alpen-Sherlock. Das geschmeidig tückische Stellvertreter-Anstaltsleitungspaar bestätigt kalt, dass er nichts "begriffen" hätte und übernimmt das Kommando.
    "Psycho" und "Analyse"
    Im Roman noch weit perfider als in Nüblings elaborierter Theatralisierung wird die Gefährlichkeit dieses Systems bis in die hermetisch versponnene Grammatik aus lauter losen Enden geradezu körperlich spürbar. Hier, vor der geschlossenen, nur über die Rampe zum Zuschauerraum hin überschreitbaren Bühne sehen wir als Voyeure dem allmählichen Kapitulieren und ja: Versagen Studers angesichts dieser Verfilzung zu. [Schmucklose, einprägsame Bilder, schrille Pfeiftöne und Kommandopfiffe , kurze gewalttätige Aufgipfelungen, mal blendend hell ausgeleuchtet, dann wieder dunkel verschattet, schaffen eine Atmosphäre, in der jeder Ausbruchsversuch ebenso zum Scheitern verurteilt ist wie eine rationale, analytische Durchdringung.] "Psycho" und "Analyse" stehen hier einander so fremd wie irgend möglich gegenüber. Nur vom Rand aus ist erkennbar, dass Mattos Reich über Leichen - und als Sieger über die Mächte der Aufklärung hervor geht.