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Max Ernst, René Magritte, Joan Miró …

Allen Bedenken zum Trotz: Ulla und Heiner Pietzsch zeigen einen Teil ihrer herausragenden Privatsammlung in der Neuen Nationalgalerie. In "Bilderträume" sind vor allem Werke der Klassischen Moderne zu bewundern.

Von Carsten Probst | 17.06.2009

Wenn die Werke wenig bekannter Künstler mit großartigen Werken berühmter Künstler zusammenkommen, ohne dass man einen Bruch in der Qualität feststellen kann – dann muss man von einer herausragenden Kunstsammlung sprechen. Genau das ist bei der Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch der Fall. Die Pietzschs sind Privatsammler in des Wortes ureigener Bedeutung. Allen Bildern ist der persönliche Blick, die Zwiesprache mit der Kunst, die intime Suche nach künstlerischer Intensität anzumerken. Nicht Spekulationswut oder öffentliche Selbstdarstellung bildet den Antrieb. Die Kunst dieser Sammlung wurde bislang selten gezeigt, und Heiner Pietzsch versichert im authentischen Berliner Tonfall, dass er die Pracht der Ausstellung mit gemischten Gefühlen sieht.

"Ich gestehe, dass wir doch einige Vorbehalte hatten, nach Berlin zu gehen. Wir haben es sehr genossen, dass wir nicht so im Vordergrund standen, sondern dass Freunde, die zu uns ins Haus kamen, erstaunt waren, dass es so viele Bilder in Berlin gibt. Das dürfte ja nun seit heute vorbei sein. Das Zweite ist: Ich kenne ja meine Berliner, ich lebe seit meinem 21. Lebensjahr in Berlin, meine Frau ist hier geboren. Nach alldem, was hier schon abgelaufen ist, werden die sagen: Nun kommen die Pietzschens ooch noch. Und das wollten wir uns eigentlich ersparen …"

Gut, dass es anders gekommen ist. Wenn es so etwas wie ein durchgehendes Thema dieser Ausstellung gibt, dann ist es die immer wieder erprobte fragile Beziehung von Körpern, Dingen und Farben, das Eintauchen der vermeintlich vertrauten Dingwelt in eine Sphäre physischer und psychischer Mehrdeutigkeiten. Nicht nur die großartig korrespondierenden Werke Max Ernsts, Giacomettis, André Massons oder Alexander Calders erzeugen diesen Wirbel der Bezüge und Verdichtungen, sondern erstaunliche, geisterhaft subtile Arbeiten etwa eines Wolfgang Paalen, einer Leonora Carrington, einer Leonor Fini oder eines Kurt Seligmann und vieler anderer Künstlerinnen und Künstler, deren Namen mitunter auch Experten nicht gleich geläufig gewesen sein dürften. Und zugleich betreibt diese Sammlung wie nebenbei eine höchst spektakuläre Feldforschung in der Verbindung von amerikanischem Expressionismus und europäischem Erbe. Selten oder nie hat man jedenfalls wohl Jackson Pollock, Barnett Newman und Mark Rothko so komplett in einen Kontext des Surrealismus gestellt gesehen wie hier.

Für den neuen Direktor der Berliner Nationalgalerien Udo Kittelmann ist dies übrigens zugleich die erste große Ausstellung. Sie wurde noch von seinem Vorgänger Peter-Klaus Schuster initiiert, und Kittelmann ist durchaus so etwas wie Erleichterung anzumerken, dass sie eine so hohe Qualität hat:

"Ich kann Ihnen nur ganz persönlich sagen: Es ist so ein Riesenglück, mit dieser Ausstellung die Neue Nationalgalerie als Ort des 20. Jahrhunderts, auch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wieder verstärkt deutlich zu machen."

Denn Kittelmanns Aufgabe in den nächsten Jahren besteht darin, das langfristige Konzept der Staatlichen Museen umzusetzen. Die Neue Nationalgalerie firmiert darin als Galerie der Klassischen Moderne, während die zeitgenössischen Sammlungen in die heutige Gemäldegalerie umziehen sollen. Die Gemäldegalerie mit den Alten Meistern wiederum soll in die unmittelbare Nachbarschaft der Museumsinsel verlegt werden. Für den dafür erforderlichen Museumsneubau werben die Staatlichen Museen derzeit nachhaltig bei der Bundesregierung. Die Aussicht auf Dauerleihgaben aus der Sammlung Pietzsch spielt in diesem Werben also auch eine politische Rolle.