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Medienaffäre im Vatikan

Die Schlussfolgerungen in den Medien würden nicht der Wahrheit entsprechen, meinte vor wenigen Tagen Benedikt XVI. in einer Ansprache auf dem Petersplatz. Anlass dazu gab unter anderem die Veröffentlichung des mit Hilfe von Interna aus dem Vatikan geschriebenen Enthüllungsbuches des investigativen Journalisten Gianluigi Nuzzi.

Von Thomas Migge | 02.06.2012

    "Hier verbreiten sich Schlussfolgerungen mithilfe bestimmter Medien, die nicht der Wahrheit entsprechen. Hier wird deutlich übertrieben!"

    Noch nie hat ein Papst, wie hier vor wenigen Tagen Benedikt XVI. in einer Ansprache auf dem Petersplatz, offen die Medien kritisiert. Medien wie die linksliberale Tageszeitung "la Repubblica" und das linke Wochenmagazin "L’Espresso", die seit Wochen geheime Dokumente aus dem Kirchenstaat veröffentlichen. Dokumente, die unter anderem ein inzwischen verhafteter Kammerdiener des Papstes gestohlen haben soll.

    Für den in Sachen geheimer Informationen in der Regel dichten Vatikanstaat ist der Medienrummel um diese Enthüllungen, in denen von Korruption, vom Machthunger der Kardinäle und undurchsichtigen finanziellen Transaktionen der Vatikanbank die Rede ist, ein absolutes Novum. Die journalistische Hauptfigur dieser Spy-Story ist Gianluigi Nuzzi, einer der bekanntesten investigativen Journalisten Italiens. In seinem gerade eben erschienenen Bestseller "Seine Heiligkeit" publiziert er sämtliche aus dem Vatikan entwendeten Dokumente:

    "Die versuchen im Vatikan, alle Skandale unter ihre Teppiche zu kehren. Was für eine journalistische Herausforderung diese Skandale wieder hervorzuholen und publik zu machen. Mit Namen, Daten und konkreten Fakten. Im Zentrum dieser Enthüllungen steht die Figur des Staatssekretärs des Papstes, der Nummer zwei im Vatikan, und der darf nicht infrage gestellt werden"

    Hinter den vatikanischen Enthüllungsgeschichten steckt mehr als nur ein verhafteter Kammerdiener des Papstes. Der Tageszeitung "la Repubblica" gelang es, einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter aus dem Vatikan zu kontaktieren, der in einem am vergangenen Montag veröffentlichten und für großes Aufsehen sorgenden Interview von einer geheimen Gruppe von Personen im Kirchenstaat sprach. Dieser Gruppe, so der Mann, gehöre auch ein Kurienkardinal an. Ihr gehe es darum, den Einfluss des Staatssekretärs und seiner machthungrigen Clique öffentlich zu machen, um den Papst über deren Machenschaften aufzuklären. Dafür "benutzten" sie, so erklärte der Informant, den Journalisten Nuzzi.

    Der Fall des Enthüllungsbuches von Nuzzi ist insofern einmalig im Verhältnis der Kirche zu den Medien, weil es da bislang immer nur eine Schieflage gab. Der Vatikan verhält sich wie vor dem Ende der UDSSR der Kreml in Moskau: Nur wenige Informationen dringen von drinnen nach draußen. Informationstransparenz ist ein Fremdwort. Das hat immer schon investigative Journalisten herausgefordert, doch wie beim Kreml prallten ihre Recherchen immer wieder an den Mauern des Kirchenstaates ab.

    Seitdem aber, und das ist ein absolutes Novum, Informationen aus dem Innern des Vatikans, von Insidern, nach draußen getragen werden, in die Hände von Journalisten, ist alles anders. Deshalb reagiert der Vatikan so scharf und fühlt sich sogar der Papst dazu bemüßigt, sich zum Fall der Enthüllungen zu äußern.

    Befürchtet wird, dass der Vatikan aufgrund der jüngsten Enthüllungen versuchen wird, die undichten Stellen in seinem Innern zu beseitigen. Insidern zufolge arbeite die innervatikanische Polizei bereits an einem neuen Überwachungssystem aller Mitarbeiter, damit zukünftig keine Interna mehr an neugierige Journalisten weitergereicht werden.

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