Sonntag, 26. Juni 2022

Archiv

Mein Klassiker
Schauspieler Christian Tramitz über den Film "Sein oder Nichtsein"

Christian Tramitz, 1955 in München geboren, ist gemeinsam mit "Bully" Herbig durch das Comedyformat "Bullyparade" bekannt geworden. Seit zwei Jahren spielt er einen skurrilen bayerischen Dorfpolizisten in "Hubert und Staller". Sein Klassiker ist mehr als 70 Jahre alt.

Von Eric Leimann | 26.11.2013

Mein Name ist Christian Tramitz. Ich bin unter anderem Schauspieler, ich schreibe auch ein bissel und synchronisiere, mache so alles, was mit dem Beruf zu tun hat - mein Klassiker ist "To Be Or Not To Be" von Ernst Lubitsch.
Filmausschnitt:
Erzähler: Nanu?
Suffleur flüstert: Sein oder Nichtsein ...
Sein oder Nichtsein - mein absoluter Lieblingsfilm. Ach, da gibt es so viele Gründe. Also der erste Grund ist, dass - der Film ist glaube ich 1942 gedreht, das heißt also mitten im Krieg - es geht um ein wahnsinnig ernstes Thema, es geht um die Besetzung von Polen, es geht um eine Theatertruppe, die sich dagegen wehrt.
Filmausschnitt:
Wachsoldaten / Schauspieler: Der Führer!
Gestapo / Schauspieler: Heil Hitler!
Hitlerdarsteller: Ich heil mich selbst
Regisseur: Das steht nicht im Text, ich will keine Extempores
Hitlerdarsteller: Aber bitte, Herr Dobosh, bitte!
Regisseur: Das steht überhaupt nicht im Buch, Herr Bronski
Hitlerdarsteller: Aber das gibt einen Lacher
Regisseur: Aber ich will gar keinen Lacher ...
Die Geschichte, also für mich eine der besten Stories, diese Mischung zwischen Tragik und wahnsinnig komisch - ich finde, ein Film braucht so was. Um richtig komisch zu sein, muss er auch eine gewisse Tragik haben oder zumindest einen ernsthaften Hintergrund haben.
Christian Tramitz
Christian Tramitz (AP)
Filmausschnitt:
Endlich kommt es auch zu uns, das Meisterwerk von Ernst Lubitsch
(Szene mit Schüssen)
Vorhang auf, aber schnell
Sprecher:Hier geht es wirklich um Sein oder Nichtsein. Schauspieler spielen um ihr Leben!
Sie spielen ein Theaterstück. Es geht um ein Theaterstück, in dem Hitler vorkommt und in dem Hitler praktisch in einem Sketch, den sieht man dann auch, in einem sehr, ich sag jetzt mal, platten Sketch behandelt wird als Person, als politische Figur und mitten rein in die Proben - also es fängt an, man denkt, es ist jetzt ein echtes Gestapo-Verhör - aber es stellt sich erst später heraus, nein, die spielen das nur auf der Bühne. Kommt rein, so: Äh, die Nazis haben Polen besetzt, das Stück muss weg, sie müssen was anderes spielen.
Filmausschnitt:
Bombengeräusche
Schauspieler: Na, über das Nazistück brauchen wir uns wenigstens nicht mehr zu ärgern. Schauspieler 2: Jetzt übernehmen die Nazis selbst die Regie und ganz Polen wird zur Bühne.
Schauspielerin: Und keine Zensur kann das Stück ablehnen.
Und wie diese Geschichte aufgelöst wird, wie es diese Theatergruppe schafft, praktisch einen Widerstand aufzubauen, das ist zugleich wahnsinnig spannend, irrsinnig lustig und sehr, sehr anrührend. Da kommen drei Komponenten zusammen, die so fantastisch ineinander verwoben sind, das habe ich selten beim Film gesehen.
Filmausschnitt:
Regisseur: Wenn Sie Ihren Part schlecht spielen, dann sind wir alle verloren. Wenn Sie aber Ihre Rolle gut spielen, kann ich trotzdem für nichts garantieren.
Filmmusik "Sein oder Nichtsein"
Mein Vater hat mir komischerweise von diesem Film erzählt und ich war 17 oder 18, hab überhaupt noch nicht an Schauspielerei gedacht, ich wollte damals Musik studieren und Sport und alles mögliche - und hab diesen Film, er hat gesagt, du musst dir unbedingt diesen Film anschauen, da habe ich gesagt: Was ist denn das, so eine alter Schwarzweiß-Kacke da. Ich habe meinen Vater noch nie im Leben so lachen hören. Also, das war dann so, dass ich dann einfach mitgelacht habe, obwohl ich vielleicht noch nicht alles so richtig verstanden habe. Weil der Film ist hochkomplex, das habe ich erst nach dem dritten, vierten Mal anschauen, sind mir dann so Kleinigkeiten aufgefallen. Was da alles passiert und wie raffiniert dieses ganze Ding geschrieben ist.
Filmausschnitt:
Regisseur: Wer hat Ihre Maske gemacht?
Schauspieler: Was haben Sie denn daran auszusetzen?
Regisseur: Ich weiß nicht, er ist nicht überzeugend. Für mich ist er nur ein Mann mit einem kleinen Schnurrbart!
Schauspieler: Aber das ist Hitler doch auch nur!
Es gibt keinen Film, den ich mir so oft angeschaut habe. Also - das ist auch für jeden Drehbuchautor praktisch ein Pflichtfilm, weil so raffiniert eine Story aufzubauen, das ist die große Kunst.
Filmausschnitt:
Schauspieler: Sein oder Nichtsein.
Filmmusik "Sein oder Nichtsein"