
Hillje sagte im Deutschlandfunk
, ein Kanzler müsse viel mehr derjenige sein, der Brücken zwischen unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft baue, der zusammenführe, gerade in einer Lage mit einem hohen Maß an Polarisierung im öffentlichen Diskurs. Ausgerechnet bei seinen politischen Kernprojekten werde Merz jedoch oft zum "Unklartext-Kanzler".
"Merz liefert keine Zukunftserzählung für Deutschland"
Hillje erklärte, Merz profiliere sich inzwischen als Kanzler der Reformen - jedoch sei die Kommunikation zu den Reformplänen "denkbar schlecht". Merz liefere eine lange Liste an Punkten mit Maßnahmen, aber kein Leitmotiv, kein Zukunftsbild, wie Deutschland in zehn Jahren aussehen solle. Das würde jedoch der Bevölkerung dabei helfen, sich zu orientieren, die ein oder andere Zumutung unter den Reformen anzunehmen und als kleineres, notwendiges Übel zu verstehen. Solch eine Zukunftserzählung lasse der Kanzler jedoch vermissen.
"Besuch in Hürtgenwald hätte Chance sein können, Empathie zu zeigen"
Hinsichtlich des Besuchs des Kanzlers in Hürtgenwald nach dem schweren Waldbrand sieht der Kommunikationswissenschaftler eine verpasste Chance für Merz, sich nahbarer zu zeigen. Hillje hält den viel geäußerten Vorwurf zwar für überzogen, Merz hätte seinen Sommerurlaub früher abbrechen und in die betroffene Region reisen müssen - auch ein Kanzler dürfe Urlaub machen. Jedoch könne man trotzdem fragen, so Hillje, ob es für Merz bei seinem Besuch in der Eifel nicht die Chance gegeben hätte, das an den Tag zu legen, was viele vermissten: In seiner Ansprache empathischer, kümmernder, solidarischer zu sein. Hingegen habe sich beim Kanzler wieder ein "interessanter Unterton" finden lassen, findet Hillje. So habe Merz sich zwar zu recht gegen Pfiffe und Buhrufe während seiner Rede zur Wehr gesetzt. Seine Aussage, er lasse sich von denen, die rumschrien, nicht beeindrucken, sondern er spreche mit denen, die arbeiteten, weckt nach Hilljes Ansicht jedoch bei vielen Erinnerungen. Merz habe einigen in der Gesellschaft bereits öfter mangelnde Arbeitsmoral unterstellt - und dies werde wieder ins Gedächtnis gerufen, wenn er solche Begriffe bei so einem Besuch fallen lasse.
Johannes Hillje ist Politikberater, Kommunikationswissenschaftler und Autor. Er berät unter anderem Institutionen, Parteien, Politiker und Unternehmen in Berlin und Brüssel. Zur Europawahl 2014 war Hillje Wahlkampfmanager der Europäischen Grünen Partei, zuvor arbeitete er im Kommunikationsbereich der UNO in New York und in der "heute.de"-Redaktion des ZDF.
Diese Nachricht wurde am 24.08.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
