Montag, 06. Dezember 2021

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Mielkes Elitetruppe

Die Aufarbeitung der Stasi-Geschichte ist noch längst nicht abgeschlossen, und auch nach über 20 Jahren Forschung gibt es immer noch Dunkelfelder. Dazu gehört auch das Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Garde des Erich Mielke haben sich zwei Autoren genauer betrachtet, Hagen Koch und Peter Joachim Lapp. Thomas Moser stellt ihnen das Buch und die Autoren vor.

30.06.2008

"Wir haben uns selbst gewundert. Es ist ein weißer Fleck gewesen dieses Wachregiment, was immerhin vom Charakter her, vom Umfang her eine Division war mit zuletzt 11.000 Leuten. Es war ein weißer Fleck, und es hat niemand darüber gearbeitet. Ich war der erste, der die Dokumente bekam."

Peter Joachim Lapp, der zwei Jahre lang das Wachregiment des MfS erforscht hat. Bis heute inszenieren Ehemalige eine Aura der Geheimhaltung um diese Truppe. Aus gutem Grund oder nur als Bluff? Das Buch "Die Garde des Erich Mielke" trägt dazu bei, der Klärung dieser Frage näherzukommen.

Wir tragen die roten Spiegel, wir sind Soldaten vom Wachregiment/
Wir bilden einen festen Riegel, uns fürchtet jeder Agent.


1951 aufgestellt, ein Jahr nach der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit, diente das Wachregiment vor allem als Objektschutz von Dienstgebäuden und Privathäusern der führenden Partei- und Staatsfunktionäre, wie dem ZK-Gebäude oder dem Wohnghetto der SED-Nomenklatur in Wandlitz. Es sicherte Staatsbesuche mit ab, wie etwa den von Bundeskanzler Schmidt 1981. Doch das Wachregiment war auch ein militärisches Organ, der bewaffnete Arm der Staatssicherheit sozusagen, aufgebaut für den Kampf gegen innere Feinde. 1953 beteiligte es sich an der Niederschlagung des Aufstandes vom 17.Juni. Die Bewaffnung entsprach der einer Bürgerkriegsarmee: Schützenpanzer für den Straßenkampf, Maschinenpistolen, Handgranaten. Dazu passte auch der Name Feliks Dzierzynski, dem Gründer des sowjetischen Geheimdienstes Tscheka, mitverantwortlich für Terror und Abertausende von Morden, der dem Wachregiment 1967 zum 50. Jahrestag der Tscheka verliehen wurde. Stasi-Chef Erich Mielke damals:

"Es erfüllt uns deshalb mit Stolz, die Verleihung des Namens Feliks Edmundowitsch Dzierzynski an das Wachregiment Berlin des MfS vornehmen zu können."

Der Name sollte Programm sein. Mielke wollte das MfS-Wachregiment zu so etwas wie seiner Privatarmee machen - gelungen ist ihm das nicht. Die SED behielt das erste und letzte Wort, sowohl über die Staatssicherheit wie über die Armee. Das Wachregiment bestand zu 80 Prozent aus Wehrpflichtigen und war damit eine Schnittstelle zwischen MfS und Volksarmee. Auf die Existenz dieser Wehrpflichtigen, die im übrigen drei Jahre Dienst tun mussten, ist es möglicherweise auch zurückzuführen, dass der innere Zustand des Wachregiments alles andere als dem einer Elitetruppe entsprach, sondern eher dem in der NVA glich: Schikanierungen der Soldaten durch die Offiziere, Alkoholismus, Schlägereien, Wachvergehen und so weiter. Ein Binnenklima, das das Buch auf vielen Seiten aufschlussreich beschreibt:

"Erschreckend war für mich auch, dass selbst in diesem politischen Eliteregiment nazistische Äußerungen immer wieder vorkamen. Es wurde ein Hitler-Fan-Club gegründet, eine Braune Front gegründet in diesem Regiment. Aber dass es vorkommen konnte in einer von MfS-Offizieren ausgesuchten, vorausgesuchten Truppe und das ist erstaunlich für ein politisches Eliteregiment. Da zeigt sich auch, dass es gar keins war in Wirklichkeit."

Wehrpflichtige zusammen mit kommunistischen Kadern in einem Kampfverband - das erwies sich im Ernstfall als Konstruktionsfehler. Im Herbst 1989, der hier alles in allem etwas kurz abgehandelt wird, war das Wachregiment zunächst noch an den gewaltsamen Übergriffen auf Demonstranten beteiligt, doch dann verweigerten die Soldaten den Dienst und bildeten, wie in der NVA, Soldatenräte. Das Organ, geschaffen und ausgebildet für den Kampf gegen die Konterrevolution kapitulierte - und machte sich überflüssig.

"Es wurde überraschenderweise schon durch einen Ministerratsbeschluss der Modrow-Regierung im Dezember 1989 sang- und klanglos aufgelöst."

Das Gesamtbild des Wachregimentes Feliks Dzierzynski, das das Buch liefert, erscheint doppeldeutig: eine politische Elitetruppe mit dekadenten inneren Verhältnissen, ein bewaffnetes Spezialorgan, das im entscheidenden Moment versagte. Was war das Regiment wirklich? War es stark oder eher schwach? Mehr Schein als Sein?

"Es war auf jeden Fall mehr Schein als Sein. Die Aura der Geheimhaltung ist eine Erfindung der Verantwortlichen der SED. Sie wollten vielleicht, dass die Bevölkerung denkt, dort ist etwas, was im Notfall auch die führenden Partei- und Staatsfunktionäre im Bürgerkrieg oder bei Auseinandersetzungen schützt. Ja, Gott sei Dank ist es dazu nicht gekommen."

Ein letztes Urteil über das MfS-Wachregiment ist auch nach dieser ersten Monografie nicht möglich, einiges liegt noch im Dunkeln. Lapp und Koch nennen als Beispiel die sogenannten Aufklärer-Kompanien, Spezialeinheiten, die im Kriegsfalle hinter den gegnerischen Linien operieren sollten. Einheiten, wie sie jede Armee besitzt und die überall besonderer Geheimhaltung unterliegen. Oder Desertionen in den Westen, wie die des Oberleutnants Kurt Lange 1976, die durch das Buch erstmals bekannt wird. Den Namen hatte die Stasi-Unterlagen-Behörde in den Akten ursprünglich geschwärzt, die Autoren ermittelten ihn aber trotzdem.

Peter Joachim Lapp und Hagen Koch sind ein bemerkenswertes Autorenpaar: Denn während Lapp in den 60er Jahren in der DDR als junger Mann vier Jahre in politischer Haft saß, war Koch 25 Jahre lang als Stasi-Mann im Wachregiment tätig, zuletzt im Range eines Hauptmannes.

"Das Interessante ist, dass die beiden Autoren in der selben Woche 1960 zur Stasi gingen: Ich am 1.April 1960 als Häftling der Bezirksverwaltung Gera der Stasi, er ein paar Tage später als Soldat zum Wachregiment."

Vertrauen in Koch hat Lapp trotzdem. Koch lieferte für das Buch vor allem sein Insiderwissen und verurteilt MfS wie Wachregiment heute gleichermaßen. Dennoch finden sich im Buch ein paar oberflächliche Formulierungen, die an die offizielle DDR-Sprache erinnern, so wenn der Mauerbau ohne Anführungszeichen als "Absperrmaßnahmen" bezeichnet wird. Ein Wort muss man auch zum äußeren Erscheinungsbild des Buches verlieren: Layout und Seitenumbruch sind willkürlich und verwirrend gestaltet. Gedruckt ist es auf dicken Glanzpapierseiten, was für die zahlreichen Abbildungen nicht nötig gewesen wäre, das Buch aber äußerst schwerwiegend macht - hier im negativen Sinne.

Hagen Koch/Peter Joachim Lapp, Die Garde des Erich Mielke. Der militärisch-operative Arm des MfS. Das Berliner Wachregiment "Feliks Dzierzynski", Helios Verlag Aachen 2008, 185 Seiten, 19.90 EUR