Freitag, 01. Juli 2022

Archiv


Moderne Monstranz

Die Olympische Fackel wurde schon überall hin entsendet: unter Wasser, auf alle Kontinente. Und nun hat sie das Weltall gesehen. Die Flammensymbolik hat sich zu einem Humbug-Flächenbrand entwickelt, der an Reliquien in der katholischen Kirche erinnert: Die wirken auch, wenn sie unecht sind.

Von Burkhard Müller-Ullrich | 09.11.2013

Seitdem Prometheus das Feuer auf die Erde holte, ist es uns heilig. Feuer ist eine Metapher für Leben; das eine erlischt so wie das andere - irgendwann, oft plötzlich und unerwartet. Die ewige Flamme symbolisiert unsere Angst vor dieser Endlichkeit, sie wird zum Gedenken an Verstorbene entzündet - ein doppelter Feuerzauber, denn die Flamme wärmt nicht nur, sondern spendet auch Licht und vertreibt dadurch das Dunkel der Nacht in unserem Bewusstsein.

Diese Metaphysik des Lodernden und Brennenden findet sich in allen Kulturen und Regionen der Welt. Auch die Nazis waren ganz Feuer und Flamme, wenn es um die Überhöhung von Massenveranstaltungen ging. Bei den Olympischen Spielen 1936 ließ Goebbels den ersten Fackellauf veranstalten, 3000 Kilometer lang von Griechenland nach Berlin. Und schon damals orientierte sich politischer Protest an diesem Zeichen: Die griechischen Kommunisten riefen - allerdings vergeblich - dazu auf, die Fackel irgendwo zu löschen.

Inzwischen hat sich die Flammensymbolik bei den Olympischen Spielen zu einem Humbug-Flächenbrand entwickelt. Immer grotesker werden die Strecken des Fackeltransports, immer absurder die Art und Weise ihrer Bewältigung. Nicht nur zu Pferd, per Auto, Fahrrad, Flugzeug oder Schiff wurde das Feuer schon befördert, sondern auch von Tauchern unter Wasser und von Fallschirmspringern durch die Luft. Sogar eine virtuelle Anzündung per Satellitenübertragung hat einmal stattgefunden, offenbar nach dem Vorbild des Kaminfeuer-Videos, mit dem manche Leute ihre Stube heizen.

Nachdem bei den Spielen in Peking vor fünf Jahren die Flamme dreieinhalb Mal um die Erde geschickt wurde, warten die Spiele im russischen Sotschi jetzt mit einem Längenrekord für die Wintersaison auf: 65.000 Kilometer weit soll die Funzel reisen, selbstverständlich in einem Sonderflugzeug, wo das Kabinenpersonal eben nicht sagt: "Zum Start stellen Sie jetzt bitte Ihre Sitzlehne senkrecht, klappen den Tisch hoch und löschen das Feuer auf dem Nebensitz." - Nein, das Feuer darf, das Feuer muss brennen, denn es erzeugt die Hitzestrahlung der olympischen Massen- und Medienpsychose.

Das russische Organisationskomitee, das den albernen Gasbrenner vier Monate lang zwischen dem Nordpol und dem Schwarzen Meer als moderne Monstranz herumzeigen lässt, erklärte wörtlich: "90 Prozent aller Russen oder 130 Millionen Menschen werden in rund einer Stunde Reichweite des Symbols sein." Doch was um alles in der Welt bedeutet "eine Stunde Reichweite"? Zu Fuß oder per Hubschrauber? Und was bewirkt der Aufenthalt in Reichweite des feurigen Symbols genau? Funktioniert das Gefackel vielleicht wie ein heiliges WLAN, dessen Signalstärke in der säkularen Religiosität des Sports besteht?

Offenbar spendet sogar eine Fackel ohne Flamme noch genügend olympischen Segen, denn nachdem sie schon am Boden dauernd ausging, blieb sie bei dem heutigen Weltraumspaziergang sowieso aus. Es ist wie mit den Heiligenreliquien der katholischen Kirche: Die wirken auch, wenn sie unecht sind. So sind die Effekte der olympischen Flamme noch mysteriöser als Handystrahlen, über die seit Jahren ergebnislos geforscht wird. Für geistige Erhellung und Aufklärung sorgt ihr Licht jedenfalls nicht.