Dienstag, 06. Dezember 2022

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"Moscheereport"
Liberaler Islam verzweifelt gesucht

Constantin Schreibers Fernsehreihe "Moscheereport" und sein Buch "Inside Islam" polarisierten. Nun legt er nach. Heute Abend fragt er auf "tagesschau 24", wie Muslime in Deutschland zum Thema Homosexualität stehen. Mindestens so interessant wie das, was er zeigt, ist das, was fehlt.

Von Mechthild Klein | 18.04.2018

    Ein Regenbogen leuchtet am 16.01.2018 in Kehl (Baden-Württemberg) über dem Minarett der DITIB-Moschee.
    Regenbogen über Minarett (dpa / Patrick Seeger)
    Mit seinen Arbeiten eckt der TV-Journalist Constantin Schreiber immer wieder an. Als er 2015 für n-tv eine Sendung für Flüchtlinge moderierte mit dem Titel "Marhaba – Ankommen in Deutschland" - wurde er von rechts kritisiert. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch "Inside Islam", und er moderierte die TV-Sendungen von "Moscheereport" – da wurde ihm Islamhass vorgeworfen. Kritiker monierten die Auswahl der Moscheen, Übersetzungsfehler und vor allem sein Resümee, die Predigten schadeten der Integration. Heute Abend startet eine zweite Staffel des "Moscheereport" im Spartensender tagesschau24. Das Thema heißt: Islam und Homosexualität.
    Darin sagt Ibrahim aus Köln: "Wenn du schwul bist, bringst du Schande über deine Familie, über deine Eltern. Sie glauben, dass sie versagt haben, dich als guten Sohn aufzuziehen. Das ist das eine. Zweitens handelst du gegen Gott. Drittens bist du krank und musst behandelt werden."
    Von Islamisten in die Falle gelockt
    Im neuen "Moscheereport" interviewt Schreiber den Ex-Muslim Ibrahim. Der ist homosexuell, vor drei Jahren floh er aus dem Libanon nach Deutschland. Ibrahim trägt Bürstenhaarschnitt, Piercings und Ohrstecker. Als Jugendlicher erkannte er bereits, dass er Männer liebt. Er wurde wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt, weil gleichgeschlechtliche Sexualität im Islam als Sünde gilt.
    Er sagt: "Du wirst nicht so akzeptiert, nicht so geschätzt. Du wirst immer Zielscheibe für Gewalt sein, für Diskriminierungen."
    Ibrahim sagt, dass er viel Gewalt und Diskriminierung erfahren habe. Ihm wurde eine Falle gestellt: Eine Gay-Dating-App versprach ein Treffen mit Homosexuellen – offenbar inszeniert von Islamisten. Er ging dorthin – nichtsahnend.
    Ibrahim erzählt: "Das waren Islamisten und das war im Ramadan, dem Monat der Reue, des Fastens und Vergebung. Sie wollten die Rolle Gottes übernehmen und mich verurteilen, weil ich schwul bin. Und als ich dann versucht habe zu fliehen, haben sie mich vom Balkon geworfen, aus dem dritten Stock. Ja, sie hatten dieses Date geplant, um Homosexuelle im Libanon zu jagen."
    Ibrahim überlebte den Sturz schwerverletzt, lag einen Monat lang im Krankenhaus, konnte viele Monate lang nicht laufen. Ein Wendepunkt in seinem Leben. Er beschloss nach Deutschland zu fliehen. Als Muslim bezeichnet er sich nicht mehr. Erst hier sei er wieder Mensch geworden, könne selbstbestimmt leben und erfahre Wertschätzung.
    Constantin Schreiber sagt in der Sendung: "In Deutschland sind homosexuelle Menschen heute nach jahrzehntelangen Debatten weitgehend gleichgestellt. Nach islamischer Lehre und Praxis ist das in der Regel anders. Wie gehen betroffene homosexuelle Muslime damit um? Und was sagen Imame dazu? Dem gehe ich nach."
    Eine Bewertung von Homosexualität fehlt im Koran
    Doch kaum ein Imam will sich öffentlich äußern. Es gab Absagen von allen drei großen Dachverbänden: vom Zentralrat der Muslime, der Ditib und dem Verband Islamischer Kulturzentren. Daher trifft Schreiber den Sozialarbeiter und Psychologen Ahmad Mansour.
    Der sagt: "Das ist ein Thema, das absolut tabuisiert ist. Und wenn solche Einzelfälle rauskommen, weil sie entdeckt werden oder weil die Eltern bestimmte Hinweise bekommen haben, dann spielt Gewalt in vielen Familien eine große Rolle. Das heißt, diese jungen Menschen werden nicht akzeptiert als Teil der Community, als Teil der Familie."
    Dabei gab es in der Geschichte der islamischen Länder durchaus liberale Gesellschaften wie seinerzeit im elften und zwölften Jahrhundert in Bagdad, sagt der Islamwissenschaftler Ednan Aslan von der Universität Wien. Das Problem sei, dass der Koran in der Bewertung von Homosexualität überhaupt nicht eindeutig sei, es gebe nur Erzählungen mit gleichnishaftem Charakter. Also kommt es auf die Auslegung an. Der Autor Constantin Schreiber vermisst zudem eine Diskussion über Homosexualität und Islam in den Moscheegemeinden der großen konservativen Dachverbände. Wie liberal tatsächlich Muslime heute in Deutschland sind und Homosexuelle in den eigenen Reihen akzeptieren, ist bislang nicht erforscht, das weiß auch Constantin Schreiber:
    "Es ist ein bisschen stochern im Nebel. Deshalb bin ich auch vorsichtig. Sie haben schon auch eine große Zahl von Muslimen in Deutschland, die wirklich ein sehr konservatives Lebens- und Weltbild haben. Das haben sie schon, wo das nicht reingehört", sagt er.
    Was ist mit dem Liberal-Islamischen Bund? Dieser Verband hat nichts gegen homosexuelle Muslime.
    Schreiber: "Der Liberal-Islamische Bund ist sehr überschaubar in der Zahl der vertretenen Moscheen und Mitglieder. Es geht ja auch nicht darum zu sagen, dass es das gar nicht gibt."
    Lesbische muslimische Frauen kommen gar nicht vor
    Nach Schreibers Ansicht wollen die muslimischen Dachverbände und ihre Moscheen das Thema Islam und Homosexualität lieber aussitzen:
    "Weil sie sind da natürlich in einer Zwickmühle als Verband. Sie sind im Grunde ja Vertreter einer sehr konservativen religiösen Grundhaltung. Gleichzeitig wissen die ja genau, wenn sie sich besonders konservativ äußern, wird das öffentlich dementsprechend kritisch gesehen."
    Zumindest einen Imam hat Schreiber für den "Moscheereport" dann doch gefunden und interviewt. Lesbische muslimische Frauen kommen in dem Film hingegen gar nicht vor. Der liberale Islam bleibt auch weitgehend ausgeblendet.