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Musikalische Raritäten auf ArabischAuf Schatzsuche in Plattenläden

Vintage - also etwas altes, ist wieder in. Und manchmal sogar zu recht. Denn vieles, was früher modern und innovativ war, ist heute auch noch gut. Das dachte sich auch Jannis Stürtz, als er in Tunesien einige alte Funk-Platten fand. Seitdem veröffentlicht er ein Mixtape nach dem anderen mit dem Namen "Habibi Funk".

Von Azadê Peşmen | 12.05.2016

Schallplattenspieler (Turntable) eines Diskjockeys
Schallplattenspieler eines Diskjockeys (picture alliance / dpa / Foto: Andreas Lande)
Casablanca in den wilden 70ern: Das Zentrum der marokkanischen Musikszene, viele Plattenfirmen hatten hier ihren Sitz. Mittendrin: Der Sänger Fadoul.
Während seiner Zeit in Europa hatte Fadoul die Musik von James Brown kennengelernt. Aber seine Musik orientierte sich nicht nur an US-amerikanischen Vorbildern des Funk und Soul, sondern auch am psychedelischen Rock. Mit 50, im Jahr 1991, ist Fadoul gestorben, und seine Musik wäre fast in Vergessenheit geraten. Wäre da nicht Jannis Stürtz. Der Berliner DJ ist zufällig auf Fadouls Musik gestoßen und hat sein Album "Al Zman Saib" wieder-veröffentlicht. Trotz der James-Brown-Referenzen hat Fadoul seinen eigenen Stil kreiert, meint Stürtz.
"Man hat eine eigene Adaption gefunden, hat sich dann zwar melodisch bei manch einem bekannten Song bedient, aber dann auch eigene Texte dazu geschrieben. Und zudem das auch in der Art, wie man das wieder eingespielt hat, eine sehr eigene, eine sehr dreckige, rotzige Identität gegeben."
Das Album "Al Zman Saib" ist die zweite Veröffentlichung auf dem Label Habibi Funk. Jannis Stürtz hat es gegründet, als er zufällig beim "Diggen" also dem Graben nach Platten, auf ein James Brown Cover stieß. Er ist DJ - nach musikalischen Schätzen zu suchen, gehört zu seinem Alltag - vor allem auf Reisen. In alten Plattenläden in Algerien, Marokko oder Tunesien ist er mittlerweile Stammgast. Europäer, die in ehemaligen Kolonien und Einflussgebieten auf Schatzsuche gehen? Erinnert das nicht zumindest ein bisschen an das 18. und 19. Jahrhundert, als etwa aus Ägypten archäologische Relikte geraubt und nach Europa gebracht wurden?
"Das ist natürlich eine populär formulierte postkoloniale Unterstellung. Ich glaube der Vergleich trifft es nicht wirklich, weil im gewählten Beispiel der ägyptischen Artefakte sind es kulturell genutzte, relevante, einzigartige Dinge und Schallplatten sind industriell hergestellte Massenprodukte."
"Für die Idee brennen"
Ein weiteres Massenprodukt, das aber bisher nur in Marokko viele Leute erreicht hat, sind die Aufnahmen von Ahmed Malek, einem ausgebildeten Komponisten. Er schrieb Musik für Dokumentationen und Soundtracks, vor allem für algerische Produktionen. Anders als Fadoul ist er in seiner Heimat einigen ein Begriff- und das auch schon zu Lebzeiten. Auch seine Musik hat Jannis Stürtz auf seinem Label Habibi Funk noch mal veröffentlicht – unter dem Namen "Musique originale des films". Dazu gibt es ein 28-seitiges Booklet mit Fotos, einem Interview mit Ahmed Malek und einer kleinen Einführung in das algerische Kino. Ganz schön viel Arbeit. Rentiert sich das überhaupt?
"Es ist nicht mehr so schlimm, wie es jetzt vor fünf, sechs Jahren war, weil man schon halt merkt, wie gerade bei so Nischenprodukten die Leute wieder mehr Schallplattenprodukte kaufen usw. Aber ich glaube, letztendlich muss man für die Idee brennen, wenn man das macht und man könnte letztendlich auch zu einem großen Major Label gehen mit der gleichen Qualifikation und da das Doppelte verdienen, aber wir fühlen uns eher bei Nischenmusik zu Hause."
Dank Habibi Funk werden alte Schätze ausgegraben und einer breiten Masse zugänglich gemacht, für die diese Musik bisher unbekannt war. Und vielleicht werden die Künstler, die ihre Alben auf Habibi Funk veröffentlichen, doch noch zu spätem Ruhm finden.