Montag, 23. Mai 2022

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Musikfilm
Auf der Suche nach dem deutschen Hip-Hop

Wie begann das eigentlich alles mit dem deutschen Hip-Hop? Sékou Neblett, ehemals Mitglied bei "Freundeskreis", ist dem Phänomen in seiner Dokumentation "Blacktape" auf der Spur. Glücklicherweise läuft die zunächst recht brav anmutende Dokumentation recht bald heftig aus dem Ruder.

Von Hartwig Tegeler | 28.11.2015

Thomas D. (v. l.), Smudo und Michael Beck (alias DJ Hausmarke) von der Stuttgarter Hip-Hop-Band "Die Fantastischen Vier", aufgenommen 2003 im Kölner Tanzbrunnen
"Gymnasiasten Hip-Hop" nennt Steve Blame die Fanta 4 im Rückblick (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Es beginnt, na ja, ganz normal, solide Chronistenarbeit: Was hat die deutsche Hip-Hop-Bewegung begründet? Schauen wir mal von den Fantastischen Vier bis Eko Fresh bis zu Haftbefehl. Erstere, Fanta4, waren, man darf peinlicherweise daran erinnern, 1991, als alles im Entstehen begriffen war, gar in der ZDF-Hitparade
"[Dieter Thomas Heck:] Sind nicht die da und nicht die da, und auch nicht, nein, die ..."
Steve Blame, damals MTV, erinnert sich:
Als er die Fantastischen Vier da gesehen hat, sah er den letzten Scheiß, diese Idioten in 80er-Klamotten, aber was sie taten, meint Steve Blame, diese "Poprapper", diese "Gymnasiasten-Hip-Hopper", sie machten die deutsche Sprache im Hip-Hop salonfähig. Thomas D von diesen "Idioten in den 80er-Klamotten":
Thomas D: "Die bewusste Entscheidung war wichtig, um einfach auch zu sagen: Es gibt jetzt keine Zweigleisigkeit mehr, sondern ab jetzt nur noch auf deutsch."
Gleiche Kerbe: Max Herre vom "Freundeskreis":
"Dieses Interesse und diese Liebe für Hip-Hop und diesen Moment, wo ich gemerkt habe, ich kann das nur gut machen, wenn ich meine Geschichte erzählen kann. Das kann ich nur in meiner Sprache."
Keine konventionelle Doku
Soweit, wie gesagt, ganz normal, ganz konventionell diese Doku über die Geschichte über Deutsch-Hip-Hop. Talkings Heads der Who´s Who der Szene, Musik-Akzente, Credos, Reflexionen, wie war es damals, was hat euch getrieben, bis, ja, bis - schon bei ungefähr Minute 20 des Films ... bis Regisseur Sékou Neblett, auch Rapper, Sänger, Songschreiber, Mitglied auch von Max Herres "Freundeskreis" auf eine höchst umstrittene Legende der deutschen Hip-Hop-Szene trifft: Marcus Staiger, Gründer des Berliner Labels Royal Bunker, der Sido oder Kool Savas entdeckte.
"Alle hatten mich vor ihm gewarnt. Deshalb lud ich Falk zum Doppelinterview. Er ist eine der wenigen, die überhaupt mit ihm zurecht kommen."
Und mitten in diesem Interview: Wie war´s damals mit dem Gymnasiasten-Hip-Hop, dagegen den Gangsta-Rap aus Berlin und so weiter -, da fängt Marcus Staiger auf einmal an, von einem gewissen Tigon zu schwärmen. Kennt ihr Tigon? Was wisst ihr über Tigon? Hier, Tigon hat mir gerade ein Tape geschickt. Der Typ, der bei einem obskuren Rap-Battle in einer GI-Kaserne auf einmal in den 80ern auf Deutsch rappte.
Und nun bricht "Blacktape", ein Film von Sékou Neblett über die kulturelle Bedeutung des deutschen Hip-Hop, bricht sozusagen an allen Ecken aus seinen ordentlichen Doku-Nähten bei dieser Reise durch Deutschland auf der Suche nach dem geheimnisvollen Rap-Pionier Tigon. Drei Hip-Hop-Typen suchen ihren Ahnen, von dem weder sie noch wir wissen, ob es den tatsächlich gibt oder gegeben hat oder .... Jedefalls knallen bei dieser Suche Geltungsdrang, Musikbesessenheit, Ärger mit Ex-Feinden, Eitelkeit, dicke Egos, Albernheit, der alte Kampf um Underground-Labels und Majors und Mainstream heftig aufeinander:
"[Staiger:] Und du haust jetzt rein? - [Schacht:] Ich fahr jetzt nach Hause. - Wieso denn das? - Ey, Marcus, ich bin einfach echt fertig so. Gestern Abend, das war auch nicht gerade entspannend. - Ich müsste abgetörnt sein. - Wovon müsstest du denn abgetörnt sein? - Wir haben ihn nicht gefunden! - Wir haben Tigon gefunden!!"
Wunderbar durchgeknallter Musikfilm
Oder auch nicht. Was aber in diesem wunderbar durchgeknallten Musikfilm präsentiert wird, dass ist eine Fiebrigkeit, die sich auch im Hip-Hop in besten Momenten vermittelt. Und dass erwachsene Männer solche Zicken-Pussies sein können, das ist auch schon mal eine herrliche (Seh)Erfahrung.
"[Schacht:] Wir haben das 'Blacktape', wir haben das Hip-Hop-Masterpiece, Alter, wir haben das alles dokumentiert. - [Staiger:] Ja und? - Ja, wir haben eine Super-Story. Da hängt dieser ganze 80er-Jahre-Polit-Rattenschwanz dran. Das ist ein Super-Ding. Wozu brauch ich denn jetzt den Typen."
Am Ende von "Blacktape" ist Tigon weiterhin der große Unbekannte, der Begründer, die lyrisch-musikalische Allmacht der Anfänge des deutschen Hip-Hop, der wie ein Schatten seine Legende über die Geschichte und Geschichten wirft. Oder wirft - verschmitzt lächelnd - Sékou Neblett dieses Mythentuch? Anders gesagt: Ob "Blacktape" eine Dokumentarfilm ist oder ein Mockumentary, eine gefakte Doku? Ich sag mal: Die einen sagen so; die anderen sagen so. Aber ob nun dieses Film-Genre oder jenes, "Blacktape" treibt eine schöne Energie an, in der sich Liebe zu Musik, Selbststilisierung und - mit Verlaub - heftige Angeberei über die grandiose Musik, die man betreibt, verehrt oder verlegt, mischen. Dann ein letzter Auftritt, ein Konzert mit Max Herre, Afrob und wer sich da noch auf der Bühne rumtreibt. Und hinten, in der letzten Reihe, rechts da, oder war´s doch nur ein Schatten, da stand doch Tigon, nee, klar, doch, ach, oder ....