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Muskelspiele am Golf

Teherans Muskelspiele in Sachen Atomprogramm sind für die USA Anlass, die Aufrüstung der Verbündeten in der Golfregion zu forcieren. Die amerikanischen Rüstungsgeschäfte sind lukrativ für die Wirtschaft, aber umstritten.

Von Katja Ridderbusch | 07.01.2012
    "Well, I can't get inside Iranian heads. But, you know, we've seen quite a bit of irrational behavior from Iran recently. (ab hier unterlegt) One could only guess that the international sanctions are beginning to feel the pinch ... "

    Sie könne zwar nicht in die Köpfe der Iraner schauen, sagte die Sprecherin des amerikanischen Verteidigungsministeriums, aber das irrationale Verhalten Teherans deute darauf hin, dass die internationalen Sanktionen erste Wirkung zeigten.

    Amerikanische Medien raunten bereits von einer drohenden militärischen Kollision:
    Hintergrund des Kräftemessens am Golf ist die wachsende Sorge des Westens über Irans nukleare Fähigkeiten.

    In den vergangenen Tagen hatte Teheran die Spannungen noch weiter verschärft - mit der Drohung, die Öltransporte durch die Meerenge von Hormus zu blockieren sowie mit der Meldung, man habe erfolgreich Langstrecken-Marschflugkörper getestet.
    Experten bezweifeln jedoch, dass der Iran derartige Waffen überhaupt besitzt. Barbara Slavin ist Iran-Forscherin beim Atlantic Council in Washington.

    "Tatsache ist, dass die amerikanische Kriegsmarine der iranischen weit überlegen ist. Wir müssen also kaum fürchten, dass der Iran die USA am Persischen Golf überwältigen wird."

    Das militärische Getöse des Iran ist Experten zufolge vor allem innenpolitisch und wirtschaftlich motiviert, denn: Die Spannungen mit dem Westen treiben den Ölpreis in die Höhe.
    Karim Sadjadpour vom Carnegie-Friedensinstitut äußert folgende Vermutung:

    "Einige US-Diplomaten fragen sich, ob der Iran vielleicht sogar einen militärischen Angriff auf sein Land provozieren will, um von internen Konflikten zwischen der politischen Elite und der Bevölkerung abzulenken."

    Teherans Muskelspiele: Ob reale Gefahr oder strategischer Bluff – für die USA sind sie jedenfalls Anlass, die Aufrüstung der Verbündeten in der Golfregion zu forcieren.
    Saudi-Arabien orderte gerade für 30 Milliarden Dollar 84 amerikanische F-15 Kampfflugzeuge; 70 ältere Jets sollen modernisiert werden. Für die USA ist es das bislang größte Rüstungsgeschäft mit Saudi-Arabien. Entsprechend euphorisch pries das Weiße Haus den Deal: Der Auftrag werde mehr als 50.000 Arbeitsplätze schaffen und der US-Wirtschaft pro Jahr einen Schub von 3,5 Milliarden Dollar bringen.

    Auch andere Golfstaaten - die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Oman, Bahrain und der Irak - kaufen kräftig in den USA ein: Kampfjets, Hubschrauber und Panzer, Abfangraketen, Radaranlagen und bunkerbrechende Bomben. Barbara Slavin:

    "Die USA profitieren von den Spannungen am Golf, und zwar in Form von Deals für die Rüstungsindustrie. Die Rede vom drohenden Krieg dient ja auch wirtschaftlichen Zielen: zum Beispiel, Waffen zu verkaufen wie im Falle der USA. Oder den Ölpreis hochzutreiben wie im Falle des Iran."

    Doch die Rüstungspartnerschaften am Golf sind in den USA durchaus umstritten. Einige Kongressabgeordnete fürchten, der Deal mit Saudi-Arabien könne die starke militärische Position Israels in der Region gefährden. Kritik gab es auch an den Lieferungen nach Irak: Das Regime in Bagdad werde möglicherweise die Waffen missbrauchen - und im Innern gegen das eigene Volk einsetzen.
    Zugleich aber bleibt die Frage: Wie groß ist die Gefahr eines neuen Kriegs am Golf? Überschaubar, meint Iranexpertin Slavin.

    #"What's in their interest is a war of rhetoric, not an actual war."

    Der Iran sei an einem rhetorischen, nicht an einem tatsächlichen Krieg interessiert. Und auch die USA wollen keinen neuen Konflikt am Golf, im Gegenteil: Erst am Donnerstag sprach Präsident Barack Obama von einem "strategischen Wandel": Das Pentagon soll in den kommenden zehn Jahren auf 480 Milliarden Dollar verzichten.
    Schließlich: Es herrscht Wahlkampf in Amerika. Und Obama wolle sich die Chancen auf eine zweite Amtszeit nicht verbauen, meint Karim Sadjadpour:

    "Ein militärischer Konflikt würde dem amerikanischen Präsidenten äußerst schlecht auskommen, denn als Folge würde der Ölpreis nach oben schießen. Bei dieser Wahl geht es um Wirtschaft, nicht um Außenpolitik."